Der Geist von Orlando

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Das Attentat von Orlando ist Ausdruck eines wertenden Geistes. Sei es, dass der Geist der den Attentäter beherrschte, homosexuelle Menschen entwertete, sei es, dass er US-Bürger entwertete oder sei es, dass er den Attentäter selbst entwertete, und ihn nicht damit leben ließ, Männer zu lieben. Die Grundlage aller terroristischen Anschläge ist die Entwertung der Angegriffenen. Und sie führt stereotyp zur Gegenentwertung durch die angegriffene Gruppe und zu Vergeltungsmaßnahmen, wodurch die Gewaltspirale weitergedreht wird. Entsprechend sind auch die früheren und gegenwärtigen militärischen und geheimdienstlichen „Interventionen“, die Kehrseite dieser Medaille, und bringen wiederum  Terrorismus hervor. Dass sie  ebenfalls Ausdruck eines entwertenden Geistes sind, kann man sehen, wenn etwa die „Achse des Bösen“ bekämpft werden soll, oder wenn die „führenden“ Industrienationen meinen, „dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren“ (Ex-Bundespräsident Köhler), oder wenn sie „Regime Changes“ veranlassen,  um eigene Vorteile zu sichern dabei hinnehmen, dass bei der Ausbeutung von Rohstoffen und der Herstellung ihrer Konsumgüter auch  Menschen ausgebeutet und ins Elend gestürzt werden.

Wirtschaftliche Ausbeutung, Krieg und (der aus ihnen resultierende) Terrorismus sind Ergebnisse eines entwertenden Geistes, der suggeriert, dass nicht Kooperation sondern Konkurrenz das Prinzip des Lebens sei und daher das Leben ein Kampf sei, in dem entschieden wird, wer die besseren und wer die schlechteren Menschen seien, und in dem im Darwin‘schen Sinne eben nur die Sieger (fittest) überleben können, weshalb man dann auch kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn die Verlierer nicht überleben.

Dieses Bild der Konkurrenz als Prinzip des menschlichen Lebens durchdringt immer stärker alle Lebensbereiche und ist insbesondere die Grundlage der gesamten Weltwirtschaft mit ihrem Leitthema der „Wettbewerbsfähigkeit“.

Propagiert und als „Spaß“ verkauft  wird dieses Prinzip durch Sportarten, in denen es um das Gegeneinander geht. Fußball ist ein ein gutes Beispiel dafür. Begriffe wie „kämpfen“, „schießen“, „Sieger“, „Verlierer“ und viele andere mehr zeigen den aggressiven und wertenden Geist, der hier am Werk ist. Die Sieger bekommen dann auch mehr Geld und mehr narzißtische Bestätigung, und das ist es, was wir doch alle auch wollen, so die Botschaft. Dass es zunehmend mehr und extremere Ausschreitungen beim Fußball gibt, wie derzeit bei der EM in Frankreich in konzentrierter Form zu beobachten, ist die Folge der zunehmenden Entwertung und Ausgrenzung von Menschen durch den sich verschärfenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wettbewerb. Zunehemend mehr Menschen sehen sich in Gefahr, zu den Verlierern zu gehören („71 Prozent der erwachsenen Bevölkerung des ganzen Globus besitzen nur etwas mehr als drei Prozent des weltweiten Vermögens. Mit anderen Worten: Die große Mehrheit besitzt fast nichts im Verhältnis zum real existierenden Wohlstand. Auch in Deutschland sind die Vermögen stark konzentriert: hier besitzen 70 Prozent der Bevölkerung nur 9 Prozent des Vermögens.“ (Quelle: Oxfam) Und 66 Menschen besitzen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung (ebd.). Die in Frankreich zeitgleich mit der EM stattfindenden, von den Medien weitgehenden verschwiegenen Proteste von Millionen von Menschen gegen eine weitere Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen sind Ausdruck dieser Zusammenhänge.

Hooligans bringen lediglich das auf den Punkt, was im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wettbewerb innerhalb von Nationen und zwischen ihnen abläuft und im Fussball symbolisch vorgelebt wird: Das Leben ist ein (sich verschärfender) Kampf. Sie fühlen sich bedroht davon Verlierer zu sein und wollen endlich selbst  kämpfen und siegen. Passend dazu nennen sie sich „Freunde der dritten Halbzeit“, sie setzen nach der zweiten Halbzeit mit eigener Beteiligung das wörtlich genommen in die Tat um, was ihnen vorher symbolisch vermittelt wurde.

Es wäre an der Zeit, die überkommene Idee des Sports als Kampf in Frage zu stellen. Wir brauchen heute andere Ideale, andere Vorbilder und andere Ziele. Heute sollten andere Menschen nicht mehr als Gegner gesehen werden, diese Sichtweise hat zu unendlichem Leid geführt und die Welt an den Rand ihrer Zerstörung gebracht. Heute geht es darum, das Zusammenleben und die Zusammenarbeit zu üben. Sport sollte Fähigkeiten fördern, die dem gemeinschaftlichen Lösen der Probleme der Menschheit dienen, dem Miteinander aller statt dem Gegeneinander.

Das Attentat von Orlando und alle Terroranschläge, die zunehmenden Ausschreitungen von Fans und Hooligans bei der EM in Frankreich und anderen Fußball-“Turnieren“, die bestehenden Kriege, die Umweltzerstörung im Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte, die zunehmenden Flüchtlingsbewegungen, der Islamismus und die wachsende Rechtsradikalität habe ihren gemeinsame Ursache in einem wertenden Geist, der suggeriert, Menschen seien konkurrierende Wesen, die im Überlebenskampf gegeneinander antreten müssen.

Es müsste mittlerweile eigentlich eine Binsenweisheit sein, dass in Zeiten der zunehmenden Spaltung in oben und unten infolge wirtschaftlicher Ungleichheit, auch Rechtsradikalität zunimmt, deren ureigenstes Prinzip der Geist der Wertung und Ausgrenzung ist. Und dass sich dann die Ausgegrenzten und im Konkurrenzkampf von Abstieg und Entwertung Bedrohten ihrerseits Opfer zu suchen, die sie entwerten und ausgrenzen können. Insofern muss man Wettbewerb als faschistoid bezeichnen, denn es ist die Einteilung der Menschen in Bessere und Schlechtere, die den Geist des Faschismus kennzeichnet.

Als schwuler Mann trifft mich das Attentat von Orlando besonders, weil es Ausdruck des Hasses gegen meine Liebesfähigkeit ist. Aber es befeuert auch meine Ambivalenz gegenüber dem ausschließlichen Bemühen großer Teile der LGBT-Bewegung um gesellschaftliche Integration und Gleichberechtigung.

Homosexuelle, aber auch Frauen und andere entwertete gesellschaftliche Gruppen haben am eigenen Leib erfahren, was Entwertung und die Spaltung in bessere und schlechtere Menschen bewirkt. Daher ging es in den Anfängen der Frauen- und der Lesben- und Schwulenbewegung auch darum, die Gesellschaft, in der diese Wertung offensichtlich zum Menschenbild gehört, grundsätzlich in Frage zu stellen, und eine Gesellschaft mit anderen Werten anzustreben.

Tatsächlich kam es dann ganz anders. Eine angesichts der zunehmenden Rollenverweigerung von Frauen und des massenhaften Coming-outs von Lesben und Schwulen in ihren Grundfesten bedrohte Männergesellschaft bot diesen die Teilhabe an ihren Privilegien an – vorausgesetzt sie wären dazu bereit, sich den bestehenden Werten zu unterwerfen und zu vergessen, dass es ebendiese Werte gewesen waren, die zur ihrer Unterdrückung und Verfolgung geführt hatten. Und wir alle nahmen es dankbar an, nun endlich „normal“ sein und auch Bürgermeister, Bundeskanzlerin und Außenminister werden zu dürfen. Die Bedingung dafür war und ist, dass wir unsere Konkurrenzfähigkeit beweisen. Frauen, Schwule und Lesben dürfen jetzt auch ihre potentiellen LiebespartnerInnen im Arbeitsleben, im Sport und im Krieg bekämpfen und feiern das als Erfolg.

Und so ist die Aufteilung der Welt in Oben und Unten mit dem daraus resultierenden Prinzip der wertenden Konkurrenz geblieben. Sie verläuft nun unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung zwischen Gewinnern und Verlierern. Und wir streben weiter danach, zu den Gewinnern zu gehören und können daher deren Werte nicht in Frage stellen.

Aber Orlando und die wieder zunehmende Ablehnung von Homosexualität auch in westlichen Gesellschaften zeigen, dass unsere Integration in eine das Prinzip der Wertung nicht überwindende Gesellschaft fatal ist: Weil wir weiterhin eine auf Kontakt zueinander angewiesene und identifizierbare Gruppe sind, sind wir jederzeit wieder ausgrenz- und angreifbar, wenn andere, nun ausgegrenzte Gruppen die Macht in der (globalen) Gesellschaft übernehmen oder es zumindest versuchen. Der Geist der Wertung und Ausgrenzung kann sogar Rechtsradikale und Islamisten vereinen, wenn es darum geht,  Nicht-Heterosexuelle zu entwerten und zu vernichten.

Konkurrenz tötet. Wir überleben gemeinsam oder gar nicht – Weitere Überlegungen zur Destruktivität als gegen das Leben gerichtete Kraft

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Auf den „Nachdenkseiten“ findet sich ein aufwühlendes Interview mit dem Journalisten Wolfgang Koschnick über die Krise der Demokratie. Er beschreibt darin sehr eindrücklich, wie in unserer Demokratie die Regierung und der Staatsapparat längst nicht mehr das Volk vertreten, sondern ihre eigenen Interessen gegen zumindest große Teile des Volkes (was sich u.a. in den zurückgehenden Wahlbeteiligungen ausdrückt) und er meint dazu:

„Dem liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass auch ein Politiker, ebenso wie jeder andere Mensch, seinen eigenen Nutzen zu maximieren versucht. In der Politik und in der Bürokratie besteht der Nutzen indes nicht allein in Geld, sondern ebenso in Macht, Wiederwahl, Medienapplaus, Pfründen, Privilegien, der Zahl der Untergebenen und höherem Budget.“

Ich finde es immer besonders interessant, welche Ursachen in solchen Analysen für die festgestellten Fehlentwicklungen ausgemacht werden. Warum versucht „ein Politiker ebenso wie jeder andere Mensch seinen eigenen Nutzen zu maximieren“, wenn es doch auf die Dauer in den Untergang aller führt, wie Wolfgang Koschnick feststellt:

„Die gestern und heute lebenden Generationen haben die Einkünfte künftiger Generationen schon heute aufgezehrt und zehren sie ungerührt weiter auf. Der Mittelstand wird in einem sich über Jahrzehnte erstreckenden Prozess buchstäblich zwischen den Fronten zerrieben – als direkte Folge des demokratischen Systems; denn er ist die einzige verbliebene große Sozialschicht, die einstweilen noch ohne gar zu großes Risiko ausgesaugt werden kann. Doch wie lange noch? Die Unterschicht ist weitgehend zerschröpft und muss sogar vom Staat alimentiert werden. (…) Hier zeigt sich einmal mehr die selbstzerstörerische Eigendynamik der entwickelten Demokratien. Die einzige Bevölkerungsschicht, auf der das politische und wirtschaftliche System dauerhaft ruht, wird nach und nach von den Rändern her angefressen und aufgezehrt. Und das wird so lange gehen, bis die Mittelschicht im Kern vernichtet ist.“

Wolfgang Koschnick liefert keine Erklärung für die Ursachen. Er sagt dazu lediglich: „Es ist dies aber nicht das Werk eines finsteren Diktators, der sein Volk aussaugt. Es ist das Werk einer auf dem Boden des repräsentativen Parteienstaats gedeihenden, teils gewissenlosen, teils gleichgültigen und teils einfach auch nur hilflosen und unfähigen Politikerkaste, die sich ständig mehr mit sich selbst beschäftigt und der das eigene luxuriöse Hemd näher als die verschlissenen Hosen der breiten Bevölkerung ist.“

Und nach Lösungen gefragt antwortet er, er habe keine, es handle sich um eine Strukturkrise. „Man wirft mir mitunter vor, meine Kritik an den entwickelten repräsentativen Demokratien sei ja höchst berechtigt. Aber „bloß Kritik“ sei ja geistlos. Ich solle doch auch eine Lösung des Problems vorschlagen. Wer das sagt, hat noch nicht einmal im Ansatz begriffen, dass meine Kritik auf die in allen Demokratien in ein- bis zweihundert Jahren herangewachsenen, in Stein gemeißelten Strukturen zielt. Ich wäre ja schon froh, wenn die meisten Leute sich darüber im Klaren wären, dass die Demokratien der Welt auf den eigenen Niedergang zusteuern. Sie haben derzeit ja nur ein rudimentäres Bewusstsein dieses drohenden Untergangs. Mit lustigen Vorschlägen, die ein Autor aus einem kleinen Dorf am Bodensee dafür macht, wie man den Untergang der verkrusteten entwickelten repräsentativen Demokratien vermeiden könnte, könnte sich der Autor nur blamieren. Bedeutete das doch: „Mit ein paar ulkigen Tricks kommt man da wieder ‘raus!“. Man muss das noch einmal deutlich sagen: Es handelt sich um eine schwerwiegende STRUKTURKRISE.“

Ich glaube, die Ursache dieser Strukturkrise und die Tatsache dafür, dass Wolfgang Koschnick keine Lösungsvorschläge für sie hat, liegen in dem offensichtlich auch von ihm nicht hinterfragten Menschenbild, dass nämlich, wie er meint, jeder Mensch von Natur aus nur seinen eigenen Nutzen zu maximieren sucht. Mit einem solchen Bild eines naturgegebenen Egoismus, in dem andere Menschen zwangsläufig Konkurrenten sind, bleibt angesichts der daraus resultierenden Missstände nicht viel mehr als Resignation.

Diesem vom (Sozial-)Darwinismus geprägten Menschenbild widersprechen neuere Untersuchungen wie z.B. die an Kleinkindern von Michael Tomasello und Felix Warneken am Max-Planck-Institut Leipzig und an der Universität Harvard. Sie zeigen, dass fast alle Kinder von sich aus und ohne Belohnung versuchen, anderen, die vorgeblich in Not sind, zu helfen: „Auf der Grundlage psychologischer Studien zeigt Warneken seit einigen Jahren, dass, entgegen der weitverbreiteten entwicklungspsychologischen Annahme, altruistisches Handeln nicht in erster Linie Effekt eines Sozialisierungsprozesses, sondern eine intrinsische Fähigkeit des Menschen sei. Bereits in frühester Kindheit ist zu beobachten, dass Kinder nicht nur einander sondern auch Erwachsenen helfen und zwar ohne erwartbare Belohnungen oder vorherige Differenzierungen derjenigen, denen sie helfen. Es scheint also vielmehr, als setze gerade erst die Vergesellschaftung des Kindes dieser bedingungslosen Hilfsbereitschaft Grenzen und präge dadurch menschlichen Interaktionen das Kalkulationsprinzip eigenen Nutzens ein.“ (Aus der Ankündigung eines Vortrages an der Universität Heidelberg). Ein Video dazu gibt es hier. (Ich finde es besonders bemerkenswert, dass die Kinder helfen, obwohl ihre mit anwesenden Mütter nichts tun.)

Die Frage ist also, welche offensichtlich nicht intrinsischen Kräfte das sind, die der bedingungslosen Hilfsbereitschaft Grenzen setzen und der menschlichen Interaktion das Kalkulationsprinzip des eigenen Nutzens einprägen. Bei der Antwort auf diese Frage helfen zwei erkenntnistheoretische Vorschläge: Die Bibel meint: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, wir können aber mit Helmut Kohl auch einen zeitgenössischeren Autor bemühen: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“ meinte er, und ich finde, er hat recht.

Was kommt hinten raus bei einem Menschenbild, das davon ausgeht, dass wir alle Konkurrenten sind?

– Es kommen die von Wolfgang Koschnick beschriebenen und von uns allen erlebten politischen und gesellschaftlichen Missstände und Krisen heraus.
– Es kommen Kriege um die Vorherrschaft über Rohstoffe heraus, in denen viele Menschen sterben und unsägliches Leid verursacht wird.
– Es kommen Fremdenfeindlichkeit, Faschismus und Rassismus heraus.
– Es kommen Kämpfe um Arbeitsplätze und an Arbeitsplätzen heraus, einhergehend mit Mobbing, Burnout, Depressionen und Suiziden (in Spanien ist die Suizidrate seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 um 20% gestiegen).
-Es kommen krankmachende und tödliche Arbeitsbedingungen in Ländern heraus, in denen die Rohstoffe für Konsumartikel ab- und angebaut werden und diese hergestellt werden.
– Es kommen Beziehungsunfähigkeit und -trennungen heraus, unter denen nicht nur die Partner sondern vor allem auch deren Kinder leiden, denn jede/r muss nicht nur ständig den eigenen Marktwert testen sondern auch den des Partners / der Partnerin an möglichen Besseren messen.
– Und es kommt vor allem die Zerstörung der Natur und damit unserer Lebensgrundlagen heraus, auf die wir aus Gründen der nationalen Wettbewerbsfähigkeit und der persönlichen Konkurrenz im Konsumverhalten mit Freunden, Kollegen und Nachbarn keine Rücksicht nehmen können.

Es besteht kein Zweifel, der Geist der Konkurrenz und des Wettbewerbs behindert und zerstört das Leben während er vorgibt es zu fördern. Es wird unter der Herrschaft dieses Geistes auch kein „Survival of the Fittest“ also kein Überleben der Stärksten geben, weil er keine Rücksicht kennt und nicht aufgibt, bis niemand mehr übrig ist; auch die jeweiligen „Sieger“ müssen sich wiederum gegenseitig bekämpfen. Und weil er nicht nur die Menschen selbst sondern auch die Grundlagen des Lebens zerstört.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel beim Menschenbild, mit dessen Hilfe es wieder möglich ist, das, was uns dazu bringt, uns (selbst-)zerstörerisch zu verhalten, zu erkennen und uns davon zu distanzieren. Wir müssen tatsächlich wieder werden wie die Kinder, die von diesem destruktiven Konkurrenzgeist noch nicht infiziert sind. Sonst werden wir nicht überleben.

Es gibt keine bösen Menschen – Wenn wir Destruktivität beenden wollen, müssen wir sie als lebensfeindliche Kraft verstehen, die Menschen infiziert

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Die folgenden Überlegungen erwuchsen anfangs aus meiner Arbeit als Psychotherapeut. Im Umgang mit leidenden Menschen ist die zentrale Frage naturgemäß die, was sie leiden lässt, das heißt vor allem, was sie dazu bringt, so schlecht mit sich umzugehen, aber auch, was andere dazu gebracht hat, so schlecht mit ihnen umzugehen. Ich hatte zunehmend Probleme damit, dass dieses Schlechte, von dem sich die Menschen u.a. in Psychotherapien zu befreien versuchten, in ihnen selbst seine Ursache haben sollte. Bzw. in anderen Menschen, die dann logischerweise als „böse“ klassifiziert werden müssen, zumindest dann, wenn man die Verursacherkette zurückverfolgt bis zu „Adam und Eva“.
In dieser Zeit stieß ich auf das Buch einer Kollegin, die die Theorie aufstellte, dass es für die Behandlung von bestimmten psychischen Leiden hilfreich sei, davon auszugehen, dass diese Patienten von einer nicht von ihnen selbst ausgehenden, autonom wirkenden destruktiven Kraft angegriffen werden. (Ingrid Baumert: Das Selbst ist der Weg. Verlag: Die blaue Eule, Bochum.) Ich empfand diese Theorie für meine Arbeit als sehr hilfreich und sie hat mein Denken entscheidend verändert, wofür ich sehr dankbar bin. Das Nachfolgende hat sich aus meiner Auseinandersetzung mit dieser Theorie entwickelt, bzw. aus deren Ausweitung auf andere Lebensbereiche.

Das Böse
Mit dem Bösen meine ich die destruktiven Kräfte, die das Leben einschränken und schädigen: Zum einen die subtile oder brachiale Gewalt, die das Leben eines anderen Menschen schädigt und zerstört (Mobbing, Mord, Krieg etc.), zum anderen die destruktiven Gedanken, Gefühle und Handlungen, die das eigene Leben einschränken und schädigen bis hin zum Suizid, (das, was wir als psychische Probleme und Erkrankungen bezeichnen) und schliesslich die Zerstörung der Lebensgrundlagen, die das Leben allgemein schädigt (Umweltzerstörung).

Die entscheidende Frage
Für den Umgang mit dieser Destruktivität ist meines Erachtens die alles entscheidende Frage, ob wir sie für einen Teil des Menschen halten oder für eine von ihm unabhängige Kraft. Ist es ein Teil der menschlichen Natur destruktiv zu sein oder werden Menschen dazu gebracht es zu sein?

Die Frage, warum wir nicht aufhören können, unsere Umwelt, also unsere Lebensgrundlagen zu zerstören, und die Frage warum wir nicht friedlich miteinander leben können, obwohl genug für alle da ist, sondern einander Gewalt antun bis hin zur Gefahr der totalen Vernichtung mit immer gefährlicheren Waffen, werden immer mehr zu Fragen des Überlebens der Menschheit.
Aber auch im zwischenmenschlichen und im psychischen Bereich, (der beeinflusst ist von den globalen Problemen) stellen sich drängende Fragen zu Gewalt und Destruktivität, z.B. warum die Zahl der Amokläufe zunimmt, oder was die Ursache der „Volksseuche Depression“ und der Zunahme der Zahl weiterer psychischer Erkrankungen ist, die das Leben so vieler Menschen einschränken und stark schädigen.

Es ist also dringend nötig zu klären, was Menschen gegen andere und gegen sich selbst zerstörerisch fühlen, denken und handeln lässt, was also das Destruktive, das Böse ist und wie wir damit umgehen wollen.

Das Böse als Erbe unserer Herkunft
Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass das Destruktive ein Teil des Menschen ist, dass Menschen eben auch eine „dunkle Seite“ haben, die sie bestenfalls kontrollieren können. Vielfach wird auf unsere Herkunft aus dem Tierreich verwiesen, wo es ja auch Aggression gebe, die zum Überlebenskampf und zur natürlichen Auslese nötig sei. M.E. verlässt aber an dieser Stelle das Denken die Logik im Dienste der Rechtfertigung des Bösen. Denn Tiere sind nicht destruktiv: Sie planen und führen keinen Krieg, begehen keinen Mord und keinen Völkermord, sie foltern nicht und die zerstören auch nicht wider besseres Wissen ihre Lebensgrundlagen. Es ist also sicher nicht der tierische Selbsterhaltungstrieb im Dienste der Evolution, der uns in den Abgrund treibt. Das Böse im Menschen entstammt einer anderen Dimension als die Aggression der Tiere. Zudem käme niemand auf die Idee, bei positiven Leistungen der Menschheit ständig auf Wurzeln in der tierischen Vergangenheit zu verweisen, also Oper und Quantentheorie mit den Eigenschaften von Affen oder Mäusen zu begründen – warum es also bei anderen menschlichen „Errungenschaften“ wie Krieg tun? Ich finde es zumindest nicht hilfreich, wenn mit dem Verweis auf die tierische Aggression die Destruktivität zu etwas essentiell Menschlichem erklärt und damit als etwas Natürliches gerechtfertigt wird. Wäre nicht gerade der umgekehrte Sachverhalt naheliegend, dass wir als vernunftbegabte und im Sinne der Evolution viel weiter entwickelte Wesen, die sich mit Philosophie und Heilkunst beschäftigen, mit dem Negativen viel besser umgehen können, als die Tiere?

Appelle und Drohungen helfen nicht
Ausgehend von der Sichtweise des Destruktiven als Teil der menschlichen Natur bleibt angesichts der Bedrohungen, die wir allenthalben erleben nur, an die Vernunft der Menschen zu appellieren, und sie dazu zu bringen, ihre negativen Seiten zu kontrollieren: Sie sollen ihre Aggression beherrschen, die Politik des „Auge um Auge“ überwinden und friedlich bleiben, die Gier zügeln, umweltschädlichen Konsum beenden, nationale Interessen zurück stellen, um das „Zwei-Grad-Ziel“ bei der Erderwärmung politisch zu ermöglichen usw.

Aber es ist völlig offensichtlich, dass trotz aller Appelle die Destruktivität weitergeht. Trotz der Existenz von immer mehr Umweltschutzorganisationen und -aktivitäten steigt die menschengemachte Umweltzerstörung weiter an. Und die Gefahr einer Zerstörung zumindest großer Teile der Erde und der Menschheit durch immer zerstörerischere Waffen in den Händen von immer mehr, sich immer unversöhnlicher gebärdenden Gruppen wächst weiter, trotz UN, NGOs und Friedensbewegungen. Und auch wenn Historiker sagen, die Menschheit sei im Laufe ihrer Geschichte, gemessen am Anteil der Gewaltopfer an der Bevölkerung, friedlicher geworden, so ist doch auch klar, dass die Qualität der destruktiven Mittel viel gefährlichere Dimensionen erreicht hat. Es nützt wenig, wenn es bezogen auf die Bevölkerungszahl zwar heute weniger Kriege und Gewaltopfer gibt als im Mittelalter, wenn die Menschheit an den Folgen eines einzigen Atomschlages oder an der selbst gemachten Umweltzerstörung zugrunde geht.

Appelle und Verweise auf historische Entwicklungen bewirken nicht, dass die Gewalt aufhört und die Gefahr abnimmt. Aber auch Drohungen helfen ganz offensichtlich nicht gegen fremd- und selbstschädigendes Verhalten. So haben auch alle Horrorszenarien über die Folgen der Umweltschädigung durch Menschen deren destruktives Handeln nicht verändert. Und selbst die persönlich erfahrenen Auswirkungen von Hochwasser- und Sturmkatastrophen, deren Zusammenhang mit dem Klimawandel für die Klimaforscher als erwiesen gilt, führen zu keiner Verhaltensänderung bei den Betroffenen. Es ist vollkommen klar, dass der ökologische Fußabdruck gerade auch der Mitglieder der „Wohlstandsgesellschaften“ noch weiter wächst, daran haben alle „fünf vor-Zwölf“- Drohungen nichts geändert. Mittlerweile gibt es bei vielen Menschen bereits eine defätistische „fünf nach Zwölf – eh schon Wurscht“-Haltung.

Auch im Bereich der zwischenmenschlichen Destruktivität helfen Appelle und Drohungen offensichtlich nicht, nicht einmal die Schlimmste: Keine Studie konnte belegen, dass die Einführung der Todesstrafe zu einer Senkung der Zahl der Kapitalverbrechen geführt hat.

Und auch psychische Leiden können nicht mit Drohungen und Appellen an die Vernunft gebessert werden, sie verlagern sich dadurch allenfalls auf andere Symptome. Psychotherapie ist wirkungslos, wenn der behandelte Mensch nicht lernt, dass er das Recht hat, sich gegen destruktive Gedanken und Gefühle zu wehren, also seinen (Selbst-)Wert wieder erkennt.

Wir brauchen ein anderes Verständnis der Destruktivität
Wenn Appelle an die Vernunft und Sanktionen nicht fruchten, und wir weiter auf einen Abgrund zu rasen, dann ist es meines Erachtens sinnvoll, das Wesen der Destruktivität grundsätzlich zu überdenken.

Ich denke, dass wir uns nicht gegen uns selbst wehren können und auch nicht einen Teil von uns selbst dauerhaft unterdrücken können. Wenn also die Destruktivität eine Folge der aus dem Tierreich mitgebrachten Aggression ist und damit ein Teil des Menschen, dann können wir sie nicht bekämpfen ohne uns selbst damit Gewalt anzutun. Da hilft auch das Argument nicht, dass Aggression ja nichts Schlechtes sei, sondern es erst wird, wenn sie destruktiv wirkt, denn wodurch wird sie destruktiv? Durch negative Einwirkungen von anderen, aber woher kommt deren Destruktivität? Im Grunde wissen wir, dass Destruktivität durch Einflüsse von außen entsteht. Es gibt keinen Gewalttäter, der nicht selbst Gewalt erfahren hätte, in der Regel schon in der Kindheit. Bei genauer Betrachtung kann man sehen, dass jede destruktive Handlung durch destruktive Erlebnisse des Handelnden bedingt ist. Aber wir nutzen dieses Wissen nicht. Wir tun das vielleicht noch bei uns selbst, denn in der Regel wissen wir, warum wir andere beleidigen oder ihnen Schlimmeres antun und rechtfertigen das auch damit: weil der andere mir zuerst etwas angetan hat, oder weil ich einen schlechten Tag hatte, von anderen Ereignissen gestresst bin und deshalb „die Nerven blank liegen“ usw.

Aber wir verfolgen den Gedanken der Verursachung des Schlechten durch äußere Einflüsse nicht konsequent weiter, denken ihn nicht zu Ende. Denn in den meisten Fällen von Gewalt und Destruktivität fragen wir einfach nach dem Schuldigen. Wer ist schuld? Das heißt im Klartext: Wer ist der Böse? Wir teilen damit die Menschen in Gute und Böse ein, in brave Bürger und Verbrecher. Wie inkonsequent das ist, zeigt sich daran, dass die Bösen in anderen Situationen schnell zu den Guten gezählt werden und umgekehrt. Wer kann von sich behaupten, nie etwas Böses getan zu haben? Und welcher Verbrecher hat nie etwas Gutes getan. Um es an einem extremen Beispiel zu verdeutlichen: Es ist klar, dass die Erklärung „Hitler und die Nazis (also ein Großteil der Deutschen) waren böse Menschen“ für die Zerstörung und das Leiden, das durch sie ausgelöst wurde, nicht ausreicht. Die Deutschen waren ja vor, während und nach der Nazizeit nicht jeweils andere Menschen.

Und auch im Bereich der innerpsychischen Destruktivität ist der Betroffene kein böser Mensch, der sich selbst angreift. Auch hier findet man in der Geschichte des Betroffenen mehr oder weniger subtile Traumata: Es macht keinen Sinn zu jemand mit Depressionen, Ängsten, Selbstwertproblemen oder Selbstverletzungs- und Suizidimpulsen zu sagen: „Das ist der böse Teil von dir, der dich angreift.“ Wenn das Böse ein Teil des Menschen wäre, könnten wir es niemals ablehnen. Wir würden damit uns selbst ablehnen und das macht logischerweise keinen Sinn. Wir wüssten noch nicht einmal, ob nicht der Versuch etwas zu verbessern, wieder von diesem Teil gesteuert wäre. Und jede Psychotherapie wäre sinnlos, da sie eine Heilung von etwas anstrebt, das ich selbst bin.  Und ebenso sinnlos wäre jeder Versuch, Täter – seien es Einzelne oder Kollektive – zum Positiven verändern zu wollen, da das Böse ja Teil dieser Menschen wäre und nicht einfach „weggemacht“ werden kann. Nicht einmal die „Heiler“ selbst könnten sicher sein, dass ihr Handeln nicht letztlich von etwas Bösem, das sie selbst sind, gesteuert wird. Wir könnten noch nicht einmal zwischen gut und böse unterscheiden, da wir auch dabei nie sicher sein könnten, von welchem Teil die Einschätzung ausgeht. Dass wir das sehr wohl können, zeigt der Satz: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem Andern zu“ oder, etwas komplexer, Kants Kategorischer Imperativ. Wir wissen immer, wann etwas destruktiv ist, wir können es allenfalls als Reflex auf etwas, das uns geschädigt hat, rechtfertigen, oder damit, dass es Schlimmeres verhüten soll, beschönigen.

Wenn wir also bei allen Menschen mit selbst- und fremddestruktiven Gefühlen, Gedanken und Handlungen destruktive Einflüsse auf diese selbst in der Vorgeschichte finden – dann kann man natürlich die „Täter“ dieser Vorgeschichte, (z.B. die vernachlässigenden Eltern) als die Schuldigen ausmachen. Wenn aber deren Destruktivität wiederum aufgrund von auf sie ausgeübten negativen Einflüssen zustande kam, dann muss man sich, spätestens wenn man bei Adam und Eva angekommen ist, fragen, ob nicht vielleicht doch die Schlange schuld ist. (Tatsächlich denke ich – natürlich nicht, dass die Schlange das Böse ist aber –, dass in der Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies der zentrale Wirkmechanismus des Bösen beschrieben wird, dazu weiter unten mehr.)

Wenn man die Beobachtung, dass menschliche Destruktivität immer verursacht wird durch destruktive Einflüsse, denen der Betroffene ausgesetzt war, zu Ende denkt, dann macht es keinen Sinn mehr, den Betroffenen selbst als Ursache der von ihm ausgehenden Destruktivität zu betrachten, sowenig wie es Sinn macht, einen Grippe-Infizierten für die Ursache der Krankheit zu halten.

Das Böse als eigenständige Kraft, die Menschen „infiziert“
Ich weiß, dass das nach Religion und Esoterik klingt. Aber in beidem wird, zumindest soweit ich es sehen kann, das Böse nie wirklich konsequent als vom Menschen getrennt gesehen. Es wird mit dem Teufel als dem Bösen gedroht, aber wenn ich nicht die Regeln des Systems befolge, dann kann ich sehr schnell selbst der Böse sein und bestraft oder ausgestoßen werden, etwa als „mit dem Teufel im Bunde“ oder zumindest zu schwach, um ihm zu widerstehen.

Mir geht es um eine Sichtweise, bei der der Mensch konsequent gut ist, wovon der Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ eine Ahnung vermittelt. In dieser Sichtweise ist auch die Würde (also der Wert) eines Schwerverbrechers immer gegeben. Das bedeutet, ich muss mit dem Phänomen des Verbrechens einen anderen Umgang finden, als die Bestrafung (und damit die Entwürdigung) des Täters. Da aber die Tat Ausdruck von etwas Destruktivem also Unerwünschtem ist, muss gefragt werden, was diesen Menschen dazu gebracht hat, destruktiv zu handeln und was getan werden muss, damit er damit aufhören kann. Es wird also bei destruktiven Phänomenen nicht mehr gefragt: wer ist schuld? sondern: was muss geschehen, damit der Mensch, von dem die Destruktivität ausgeht, sich von dieser trennen kann und Abwehrkräfte gegen diese „Infektion“ entwickeln kann? Das bedeutet durchaus nicht, dass dann jeder machen kann, was er will, weil es keine Sanktionen mehr gibt, wie dazu oft argumentiert wird. Es kann durchaus bedeuten, dass ein Mensch daran gehindert werden muss, weitere Taten zu begehen. Aber es bedeutet, diesen Menschen dabei nicht zu entwerten, also seine Würde nicht anzutasten. Und das wiederum kann nur gelingen, wenn ich diesen Menschen nicht mit seiner destruktiven Tat gleichsetze. Ich brauche also eine Vorstellung davon, dass dieser Mensch von etwas dazu gebracht wurde, destruktiv sein. Diese Vorstellung hat auch den Vorteil, dass es keine bösen Menschen gibt, die dann zwangsläufig immer wieder Böses tun werden.

Destruktivität erzeugt Destruktivität
Gewalt und Destruktivität erhalten sich dadurch, dass auf die Menschen, die sie ausüben ebenfalls mit Gewalt reagiert wird, weil sie für die Verursacher von Gewalt und Destruktivität gehalten werden (der infizierte Mensch wird mit dem Erreger verwechselt und bekämpft). Wenn auf Menschen, die Gewalt ausüben, mit Gewalt reagiert wird, wird das lebensfeindliche Prinzip der Gewalt aufrechterhalten und fortgeführt, weil auch aus dieser „gerechten“ Gewalt wieder Gegengewalt entsteht. Diese richtet sich dann ggf. gegen Dritte oder gegen die eigene Person, wenn eine direkte Reaktion z.B. aus Gründen der Übermacht oder der Nicht-Zuordenbarkeit des Verursachers nicht möglich ist. Aus diesem Grund werden Menschen, die durch das Strafverfolgungssystem entwertet und entsprechend behandelt werden, in der Regel nicht besser, sondern destruktiver – gegen andere und / oder gegen sich selbst.
Das gilt nicht nur in konkreten Situationen zwischen Anwesenden sondern sozusagen auch indirekt: Bei Amnesty International kann man lesen: „In Kanada ist beispielsweise die Rate der Tötungsdelikte seit Abschaffung der Todesstrafe stark zurückgegangen, während sie in den Vereinigten Staaten von Amerika in Bundesstaaten mit Todesstrafe auf viel höherem Niveau stagniert oder sogar zunimmt. Manches deutet sogar darauf hin, dass die Hemmschwelle für Kapitalverbrechen dort niedriger ist, wo der Staat im Namen des Rechts selbst töten lässt.“
Was hier beschrieben wird, ist, dass die simple, für uns alle im Alltag erfahrbare Tatsache, dass Destruktivität Destruktivität erzeugt, auch für die Beziehung zwischen Staat und Bürgern gilt. Und dass die Unterbrechung oder Abschwächung dieser reflexhaften Reaktion zur Verminderung von Destruktivität führt.

Zumindest in einigen Kulturen gibt es solche Sichtweisen des Destruktiven und einen entsprechenden Umgang damit. Darauf wurde ich durch die Krimis von Tony Hillerman aufmerksam, einem 2008 verstorbenen US-Autor, der als Autorität für die Kultur der Diné- und Hopi-Indianer galt, wie bei Wikipedia steht. Seine Romane spielen in der Navajo-Reservation, die Protagonisten sind zwei indianische Polizisten. Hillerman schildert darin immer wieder deren Konflikt zwischen der Sichtweise des US-Justiz-Systems, nach dem Straftäter entwürdigend behandelt werden (und dadurch oftmals weiter in die Kriminalität abrutschen), und der Sichtweise ihrer Herkunftskultur, wonach ein Mensch, der eine böse Tat begeht, von einem Geist besessen ist, der ihn aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließen will (und damit letztlich aus dem Leben) und entsprechend eine Zeremonie braucht, mit der er wieder in diese integriert wird. Und, so wie ich es verstehe, wird ihm durch deren Art und Aufwand große Wertschätzung vermittelt. Was auf die zentrale Rolle der Entwertung in der Destruktivität hinweist.

Das Werkzeug der Destruktivität ist Entwertung
Die erste Voraussetzung dafür, dass ich auf Gewalt nicht mehr mit Gegengewalt reagiere, ist also die Erkenntnis, dass nicht der ausübende Mensch die eigentliche Ursache ist. Ich kann dann erkennen, dass meine durch die Gewalt ausgelösten Rache-Impulse Ausdruck einer Infektion mit einem lebensfeindlichen Prinzip sind, die nicht weitergegeben, sondern überwunden werden sollte.

Aber selbst mit dieser Erkenntnis trifft uns Gewalt und Destruktivität an einer empfindlichen Stelle, an der wir normalerweise reflexhaft reagieren. Dies geschieht durch den zentralen Wirkmechanismus der Destruktivität, die Entwertung. Leiden-schaffende Gewalt und Ungerechtigkeit kann erst dann ausgeübt werden, wenn vorher entwertet wurde. Das Opfer hat es verdient, es ist selbst schuld, es ist böse und / oder minderwertig usw. Die Ursache dieser Fremdentwertung ist die drohende Selbstentwertung: Das kann ich mir nicht gefallen lassen, sonst bin ich feige, oder: Ich muss meine Macht demonstrieren, um mich wieder wertvoll zu fühlen.

Kriege sind ein gutes Beispiel für die Entwertungsdynamik des Destruktiven: Ein Krieg gegen ein anderes Volk kann nur begonnen werden, wenn dieses vorher entwertet wird, sei es, indem man es zum Aggressor erklärt, oder in dem man es als etwas an sich Minderwertiges deklariert, das den eigenen, höherwertigen Zielen entgegensteht. Entsprechend wäre man selbst minderwertig, wenn man sich das bieten ließe etc. So wurden vor dem Genozid in Ruanda 1994 die Tutsi in der Hasspropaganda der Hutu-Extremisten monatelang als Kakerlaken diffamiert. Aktuell ist dieser Mechanismus sehr gut am „Krieg gegen den Terror“ und dessen Kehrseite, dem „Krieg gegen die Feinde des Islam“, zu beobachten.

Die Entwertung durch Destruktivität findet prinzipiell in zwei Formen statt: gegen andere gerichtet (man wird aggressiv, d.h. zum Täter) oder gegen sich selbst gerichtet (man wird depressiv, d.h. zum Opfer). Also: Der andere ist minderwertig (böse, dumm, primitiv usw.), ich muss ihn bestrafen, kann ihn unterwerfen oder umbringen und muss es tun, um nicht selbst minderwertig zu sein. Oder aber: Ich bin minderwertig, (böse, dumm, ein Versager usw.) ich darf geschädigt werden, muss bestraft werden, mir sollte es nicht gut gehen, ich sollte nicht da sein, sollte mich umbringen.

Dadurch, dass wir die Wertung von Menschen als legitim anerkennen, wird das lebensfeindliche Prinzip ständig neu erzeugt und fortgesetzt. Kein Mensch wird geboren und empfindet oder denkt „ich bin böse und minderwertig“. Jeder Mensch erlebt und betrachtet sich zunächst als gut. Es gibt keine bösen Kinder. Aber es gibt schon sehr früh wertende Einflüsse auf das Kind. Eltern und Bezugspersonen, die selbst in einem wertenden System aufwuchsen und leben, geben ihre erlittenen Entwertungen an das Kind weiter, oder vermitteln ihm zumindest, dass es besser sein muss als andere, weil es sonst weniger wert ist. Eine Entwertung durch mächtige Erwachsene – sei sie subtil oder in Form von roher Gewalt – erzeugt im Kind in der Regel zunächst immer eine Selbstentwertung, aus der, wenn sie nicht relativiert oder wieder gut gemacht wird, später entweder eine depressiv-selbstschädigende, oder aber eine aggressiv gegen andere gerichtete, entwertende Haltung wird.

In diesem Sinne entsteht Täterschaft im Sinne der Schädigung anderer immer aus einer Wendung einer erlittenen Entwertung nach außen: Ich muss den anderen schädigen, damit ich mich besser fühle als er, weil ich mich sonst von ihm entwertet fühle.

Aber auch Gewalt gegen das eigene Selbst in Form einer psychischen Störung hat diese verinnerlichte Entwertung zur Grundlage. So ist das Erleben in der Depression „ich bin schuld und / oder weniger wert als andere“, in der Sucht „ich brauche etwas, das mich aufwertet, zumindest mir bessere Gefühle macht“, im Drang zum Missbrauch „ich brauche die Macht beim Sex, sonst bin ich schwach“ (entsprechend ist das Trauma des Missbrauchs beim Opfer „ich bin schlecht bzw. schwach, deshalb ist es mir passiert“) usf.

Weil Wertung die Grundlage der Destruktivität ist, ist die fast schon global verbreitete Sichtweise des Lebens als Konkurrenzkampf und Wettbewerb sozusagen die ideologische Absicherung des Bösen. In diesem Sinne ist das Prinzip der Wertung auch der Motor der Umweltzerstörung. Der größte Teil des umweltschädigenden Verhaltens findet auf der Basis der Wertung statt. De facto arbeitet mittlerweile fast jede Werbung mit Wertung, vom diesbezüglich offensichtlichen „Ich bin doch nicht blöd“ – Slogan bis zu den subtilen Botschaften der Mode-, Schönheits- und Gesundheitsindustrie, die uns klarmachen, dass der natürliche Prozess des Älterwerdens ein persönliches Versagen darstellt. Die Botschaften die uns immer und überall umgeben, lauten: „Es gibt Bessere und Schlechtere und die Schlechteren sind wertlos und werden ausgestoßen.“ Und: „Du bist, was du hast und du hast nie genug, denn es gibt andere, die mehr haben oder es zumindest darauf anlegen, Dich zu überholen.“

Auch wenn es weder die Politik noch die Wirtschaft noch die Krankenkassen sehen wollen: Die „Volksseuche Depression“ und die „Burnout-Welle“ ist durch diesen Geist verursacht. Aber der ist entsprechend dem vom destruktiven Prinzip erzeugten Bild des Menschen als Konkurrenzkämpfer „alternativlos“, weil wir Wachstum brauchen und unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten müssen, um nicht von anderen („den Indern“) überholt zu werden usw..

Die Vertreibung aus dem Paradies und seine Rückgewinnung
Ich hatte oben gesagt, dass man, wenn man die Reihe der Verursacher von Leiden und daraus resultierender Destruktivität konsequent zurückverfolgt, irgendwann bei „Adam und Eva“ landet, und, wenn man auch die ersten Menschen nicht als essentiell böse betrachten will, bei der Schlange endet.
Tatsächlich sehe ich in der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies eine Bestätigung meiner Gedanken über die Rolle der Wertung als zentralem Mechanismus der Destruktivität. In diesem Mythos ist m.E. dargestellt, wie das Böse durch Wertung das Leiden in die Welt bringt.
Dort heißt es: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.“ Das ist also das Kennzeichen des Paradieses: Das Bewusstsein, dass man ein Abbild Gottes, d.h. etwas Wertvolles ist. Dann aber kommt das Böse (in Form der Schlange) und entwertet die Menschen indem es einfach behauptet, sie seien noch minderwertig (und müssten erst noch perfekt werden, indem sie etwas Bestimmtes tun): Sie sagt: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott.“ Adam und Eva lassen sich vom Bösen entwerten, indem sie diesem glauben, dass sie nicht bereits wie Gott seien und es folgt das bekannte Drama mit Scham, Minderwertigkeitsgefühlen und daraus resultierender Destruktivität. Als nächstes erzählt die Geschichte das Schicksal von Adams und Evas Kindern: Kain bringt seinen Bruder Abel um, weil er glaubt, im Vergleich zu diesem (in den Augen Gottes) minderwertig zu sein. Das ist also die Vertreibung aus dem Paradies: der Verlust des Bewusstseins des eigenen unabänderlichen Wertes, der „Gottgleichheit“; der Glaube, dieser Wert müsste erst erworben, erkämpft und verteidigt werden.

Daraus ergibt sich, dass nur das (Wieder-)Erkennen dieses unabdingbaren Wertes des Menschen, also der „unantastbaren Würde“, und die damit einhergehende Zurückweisung jeder Entwertung – durch welche Form der Destruktivität auch immer – dem Leiden ein Ende setzen und das Paradies zurückbringen kann.

Und das ist nach der Erkenntnis, dass das Destruktive eine vom Menschen unabhängige Kraft ist, die zweite Voraussetzung dafür, den Teufelskreis der Destruktivität durchbrechen zu können: Die Erkenntnis, dass ich als Mensch nicht zu entwerten bin. Menschen können leiden (körperliche und seelische Schmerzen haben), ohne dadurch selbst- oder fremddestruktiv zu werden, solange sie sich durch das Leiden nicht entwertet fühlen. Solange sie das Bewusstsein ihrer Würde noch haben, können Menschen viele Dinge aushalten, ohne destruktiv zu handeln oder zu fühlen, auch den Tod. Sobald aber das Leiden als Entwertung erlebt wird, wirkt es destruktiv. Wenn ich also weiß, dass meine Würde unantastbar ist, mein Wert immer gegeben ist, (in meiner Sichtweise weil ich ein Teil des Lebens bin, das nichts Wertloses hervorbringt), dann brauche ich ihn nicht zu beweisen, indem ich andere entwerte und sie angreife, und ich brauche den Wert auch nicht „wiederherzustellen“ indem ich mich an denen räche, die mich entwerten wollten, indem sie mich angriffen.

Die Unterscheidung von Gut und Böse als Zurückweisung des Angriffs auf das Leben
„Und was ist dann diese böse Kraft, wenn sie nicht zum Menschen gehört?“ werde ich fast immer gefragt, wenn ich die geschilderten Ansichten vertrete. Ich sage dann oft scherzhaft: „der Teufel“, was meist Lachen auslöst. Tatsache ist, dass ich nicht weiß, was diese Kraft ist. Ich kann nur schildern was ich beobachte, nämlich dass Menschen sich als Opfer des Bösen erleben und gleichzeitig gegen sich selbst als Täter kämpfen, als wären sie zwei Personen. Dieser Widerspruch führt zwangsläufig entweder zur Projektion des Bösen auf andere Menschen oder zu Verleugnung und Verdrängung oder zu Ohnmacht, Verzweiflung und Resignation. Letztere Haltung nimmt, speziell, was Kriege und Umweltzerstörung betrifft, in privaten und öffentlichen Meinungen zu: Menschen seien eben doch nicht so vernünftig und im Grunde egoistisch usw. Ein populärer Witz bringt das auf den Punkt: Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: „Wie gehts?“ Der andere antwortet: „Schlecht, ich leide unter Befall von Homo sapiens.“ Sagt der erste: „Keine Sorge, das hatte ich auch, das geht vorbei.“ Dieser Witz zeigt die Absurdität der Vorstellung das Zerstörerische sei der Mensch selbst in aller Klarheit: Ich habe die Fähigkeit, das Schlechte zu erkennen, ich bin dessen Opfer und ich habe die Möglichkeit, es durch mein Handeln zu beenden, aber ich klage mich stattdessen als das Schlechte selbst an und befürworte die „Endlösung“ meiner Beseitigung.

Ich weiss nicht, was diese gegen das Leben gerichtete Kraft ist. Aber ich weiß auch nicht, was das Leben ist, von dem ich räumlich und zeitlich ein Teil bin. Ich habe mich nicht selbst hervorgebracht und kenne auch die Kraft nicht, die das getan hat. Aber es macht für mich keinen Sinn, dem was mich hervorgebracht hat zu misstrauen, das Leben schlecht zu finden und es anzugreifen wie mir diese Gegenkraft suggeriert. Mir scheint, dass es geradezu der Sinn des menschlichen Lebens ist, sich fortlaufend gegen diese Gegenkraft und für das Leben zu entscheiden, also Gut und Böse zu unterscheiden und danach zu handeln.

 

Nicht die Menschen bekämpfen sondern den destruktiven Geist – Gedanken zu den Anschlägen von Paris

Vorbemerkung: Ich habe lange nichts geschrieben. Das hat auch damit zu tun, dass eine neue Erkenntnis Zeit brauchte zu reifen und vor allem, eine Form zu finden, in der ich sie veröffentlichen möchte. Sie handelt im Wesentlichen davon, dass die vom Menschen ausgehende Destruktivität (gegen andere aber auch gegen sich selbst) nur beendet werden kann, wenn die Destruktivität als lebensfeindliches Prinzip erkannt und behandelt wird, von dessen Auswirkungen immer auch der sie ausführende Mensch betroffen ist, und das daher nicht als zum Menschen an sich gehörig betrachtet werden darf, wenn man sich davon distanzieren will – weil man sich nicht gegen Teile seiner selbst wenden kann und auch, weil niemand sich selbst schädigen will. Anlässlich der aktuellen politischen Entwicklungen will ich mich mit diesen Gedanken nun doch äussern und habe dies in einigen Foren schon getan.

Wie mir die Statistik von WordPress zeigt, gibt es auch nach jahrelanger Veröffentlichungspause immer noch Besucher dieses Blogs, die offensichtlich auch mehrere Beiträge zumindest anklicken. Das motiviert mich, meine neuen Gedanken auch hier wieder mitzuteilen. Der aktuelle Beitrag bezieht sich auf die Anschläge in Paris am 13.11.15.

Ich habe vor, meine Sichtweise des destruktiven Geistes später hier noch weiter zu erläutern und zu vertiefen, kann es aber nicht versprechen.

 

Und nun zum Text:

Destruktive Aggressionen gegen Menschen können nur stattfinden, weil wir nicht zwischen den Menschen und dem destruktiven Geist, der sie besetzen kann, unterscheiden. Menschen sind nicht an sich destruktiv, sie können aber durch entsprechende Einflüsse dazu gebracht werden, destruktiv zu fühlen und zu handeln. Das ist sowohl an Gewalttätern wie auch an Menschen, die gegen sich selbst Gewalt ausüben, deutlich zu sehen. In Ansätzen kann jede/r das an sich selbst beobachten, z.B. in entsprechenden Situationen im Verkehr.

Es wird aber laufend der destruktiv handelnde Mensch mit dem „Dämon“ (auch in Form einer Ideologie), der ihn steuert, gleichgesetzt. Dadurch wird der Mensch selbst entwertet und angegriffen (verbal oder körperlich) wodurch wiederum eine Gegenentwertung und entsprechend destruktive Energie erzeugt wird. Auf diese Weise dreht sich die Gewaltspirale weiter.

Auch Kriege und Terroranschläge funktionieren nach diesem Prinzip. Menschen, die sich als „Islamisten“ bzw. „dekadenter Westen“ entwerten, bekämpfen sich gegenseitig. Der sie beherrschende „Dämon“ hat dabei nur ein Ziel: mehr Gewalt zu erzeugen, um mehr Leben zu zerstören. Das kann man in der Geschichte sehen, das erleben wir aktuell im „Krieg gegen Terror“ und besonders deutlich ist es auch daran zu erkennen, dass Attentäter sich selbst töten. Entwertende Gewalt führt zu entwertender Gewalt, wenn das Prinzip nicht erkannt und unterbunden wird.

Die Wahrheit, die im Krieg (ebenso wie im Terror und im „Krieg gegen Terror“) zuerst stirbt, ist die, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Erst wenn wir anerkennen, dass diese immer gegeben ist, und wenn wir aufhören, unsere Gegner – selbst die schlimmsten Gewalttäter und Terroristen – in ihrem Menschsein zu erniedrigen, haben wir eine Chance in der Sache voran zu kommen. Denn wie sollte sich ein Mensch, dem sein Wert (seine Würde) und damit seine Daseinsberechtigung abgesprochen wird, noch auf ein Überdenken seiner Ansichten einlassen können? Er wird zwangsläufig den bekämpfen, der ihn weghaben will.

Das bedeutet nicht, dass jeder machen kann, was er will, ohne dass ihm Grenzen gesetzt werden. Es ist im Gegenteil sehr wichtig, immer wieder die Entwertung, die jedem destruktiven Handeln zugrunde liegt, wahrzunehmen, zu benennen und zu unterbinden. Es macht in diesem Sinn einen großen Unterschied, ob ich sage: „Du bist böse und gehörst weg“ (und entsprechend handle) oder ob ich sage: „Du bist als Mensch ebenso soviel wert wie ich, aber gegen die von Dir ausgehende Destruktivität werde ich mich wehren“.

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass eine solche Sichtweise schlagartig alles verändern kann, noch nicht einmal, dass sie leicht einzunehmen und durchzuhalten ist. Ich sehe darin aber unsere einzige Chance global wie lokal miteinander zu überleben statt uns gegenseitig zu bekämpfen und umzubringen.

 


Und weil ich diesen Text anderswo auch in englisch veröffentlicht habe (die Übersetzung stammt von meinem Freund Matthias) und hier immer wieder auch Besucher aus englisch-sprachigen Ländern waren, kann ich diesen ganz einfach die Möglichkeit geben, den Beitrag mit nicht deutsch-sprechenden Bekannten zu teilen:

Don’t fight people – fight destructiveness

Destructive attitudes against other human beings can only gain ground, as we don’t distinguish between human beings and the destructive ideas that may haunt them. Human beings are not destructive per se. However, external influences can make them so. This can be seen in all violent persons, be they aggressive towards others or against themselves. Many of us have experienced this in a nutshell in everyday situations, such as road rage incidents.

However, we often confuse the acting person with the acting “demon” or ideology driving him or her. Through this conflation, we depreciate and assault the person (verbally or physically) and thereby trigger a circle of mutual depreciation and hostility, and further a downward spiral of violence.

Wars and terror attacks operate along the same lines. Human beings reduced to being “Islamists” or “Westerners” depreciate and assault each other. The demon of violence has only one goal: To provoke more violence and destroy more life. History amply illustrates this point. That’s also what we experience right now in the “war on terror”, and especially when looking at suicide attacks. Depreciation and violence provoke further depreciation and violence as long as we do not understand this mechanism and stop it.

The truth that first dies in war (as in terrorism and in the “war on terror”) is that human dignity is inviolable. Only if we acknowledge that human dignity is inherent in every human being, including in our worst enemies and terrorists, and if we stop debasing them, do we have a chance to advance. For how should anyone, whose human nature, dignity and right to exist are denied, be ready and able to rethink his or her positions? He or she will necessarily fight anyone disputing his existence.

This doesn’t mean that anybody can do, as he/she likes without encountering limits. Conversely, it is most important to always identify and prevent all depreciations that form the basis of all destructive behaviour.
There is a big difference between saying: “You are evil and must be eliminated” (and acting accordingly); as opposed to saying: ”You are a human being of equal value as I, but I will defend myself against the destructiveness that emanates from you.”

I am not so credulous as to believe that this view will suddenly change everything, nor that this stance is easy to take and to maintain.
However, I see it as our only chance, on a local as well as on a global level, to survive — instead of fighting and killing each other.

 

 

Die Rettung der Welt durch Essen – zum Zweiten

Heuer schaffe ich es nicht, zur Demonstration für eine vernünftige Landwirtschaft anlässlich der „Grünen Woche“ nach Berlin zu fahren. Der folgende Blogeintrag ist ein Versuch, trotzdem einen Beitrag zu diesem Thema zu leisten. Der Text entstand, weil ich bei Einladungen oder im Restaurant immer wieder gefragt werde, warum ich mich vegan ernähre und ich dann meistens die Fakten und Zahlen, die mich dazu bewegt haben, nicht aus dem Gedächtnis wiedergeben kann. Ich nehme dann diesen Text als Merkhilfe und schicke ihn ggf. auch jemandem als PDF.

Warum ich mich vegan ernähre
Offensichtlich hat die Art der Ernährung mehr Einfluss auf Umwelt, Klima und Hunger in der Welt, als alle sonstigen Faktoren. Das weitaus Effektivste, was ein einzelner Mensch zur Rettung der Erde tun kann, ist nicht Bahnfahren, Papier recyceln oder Strom sparen, sondern richtig essen. Und das bleibt tatsächlich in der persönlichen Verantwortung jedes Menschen, denn es wird keine Gesetze geben, die uns vorschreiben, was wir essen dürfen, und der Markt wird das produzieren, was er verkaufen kann.

51 % aller klimaschädlichen Emissionen entstehen durch die Produktion tierischer Nahrungsmittel, also mehr als durch alle anderen Faktoren wie Verkehr, Industrie und sonstiger privater Konsum zusammengenommen.
(Studie des Worldwatch-Instituts, durchgeführt von Umweltspezialisten der Weltbank)

Die Klima-relevanten Emissionen eines durchschnittlichen Alles-Essers werden laut Foodwatch
– durch vegetarische Ernährung inklusive Eiern und Milchprodukten auf die Hälfte
– durch konventionell angebaute pflanzliche Ernährung auf 1/8
– durch pflanzliche Ernährung mit Bio-Produkten auf 1/17 reduziert.

In den letzten Jahrzehnten sind 2/3 der Urwälder der Erde abgeholzt worden.
Die Welternährungsorganisation FAO der UN stellte in einer 2006 veröffentlichten Studie fest
– dass 70 % des abgeholzten Amazonaswaldes für Viehweiden und ein Großteil der restlichen 30 % für Futtermittelanbau verwendet wird
– dass 70 % der weltweiten landwirtschaftlichen Flächen für die Viehhaltung verwendet werden
– dass auf der Fläche eines Grundstückes, die benötigt wird, ein Kilo Fleisch zu erzeugen, im selben
 Zeitraum 200 kg Tomaten oder 160 kg Kartoffeln angebaut werden könnten
– dass für die Erzeugung von 1 Kilo Fleisch bis zu 16 kg Getreide verfüttert werden.
Durch pflanzliche Ernährung rettet ein Mensch jährlich 4 Quadratkilometer Wald.

50 % der Weltgetreideernte und 90 % der Weltsojaernte werden zur Fütterung von Nutztieren verwendet.

Für 1 Kilo Fleisch werden 15 000 Liter Wasser, für einen Liter Kuhmilch 1000 Liter Wasser benötigt. Eine Ernährung mit pflanzlichen Lebensmitteln spart im Vergleich zur Ernährung mit tierischen Produkten pro Jahr bis zu 5 Millionen Liter Wasser.

Allein die Nutztiere der USA produzieren 130 mal mehr Ausscheidungen als die gesamte menschliche Population (40 000 kg pro Sekunde). Die Exkremente von Nutztieren führen zu großen Umweltbelastungen, z.B. zur Belastung des Grundwassers und der Böden mit Nitrat, aber auch mit Rückständen von Medikamenten wie Antibiotika und Hormonen, die in der Tierzucht eingesetzt werden. Das in ihnen enthaltene Ammoniak ist wesentlich am sauren Regen und damit am Waldsterben beteiligt.

Ein Großteil des Hungers in der Welt hat mit dem Konsum tierischer Produkte zu tun: durch die Herstellung von zum Export bestimmtem Fleisch direkt, oder durch den Anbau von zum Export bestimmten Futtermitteln auf den Flächen, auf denen pflanzliche Lebensmittel für die Menschen vor Ort oder auch zur Lieferung in von Trockenheit betroffene Gebiete produziert werden könnten. Der Guardian schrieb dazu am 24.12.2002: „Es scheint jetzt offensichtlich, dass eine vegane Ernährung die einzig ethische Antwort auf das weltweit wohl dringlichste Problem sozialer Gerechtigkeit ist.“

Jedes Jahr werden weltweit über 50 Milliarden Nutztiere und hunderte Milliarden Meerestiere für die menschliche Ernährung getötet. Der Fischbestand in den Meeren ist in letzter Zeit um 
90% zurückgegangen.


Quelle: Greenpeace Österreich

Treibhauseffekt der Herstellung von LebensmittelnQuelle: Foodwatch Deutschland

Vergleich: Landverbrauch zur Produktion von 1 kg Nahrungsmittel
Quelle: Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus

Das Fürsorgeprinzip

Was macht es uns Menschen so schwer, selbst angesichts großer Krisen unser Leben zu ändern? Zunehmend habe ich den Eindruck, dass das Haupthindernis die menschliche Grundangst vor dem Anderssein und damit vor dem Ausgeschlossen-Werden ist. Unsere größte Angst als Menschen ist wohl die, nicht dazuzugehören. Wir sind am Anfang unseres Lebens darauf angewiesen, dass uns jemand als zu ihm gehörig annimmt und so bleibt es ein Leben lang – auch wenn wir später nicht mehr einseitig abhängig sind, sondern zugleich eine aktive Rolle im „Versorgungssystem“ spielen. Eine der psychisch verheerendsten Drohungen, die Eltern ihrem Kind gegenüber aussprechen können, ist die, dass es „in der Gosse landen“ werde. Letztlich steht auch hinter der Furcht vor dem Tod die Angst, rauszufallen aus der Welt, nicht mehr dazu zu gehören. Und sogar hinter der Angst vor Nähe steht die Bedrohung mit dem Verlust des Kontakts. Denn wenn man vom anderen zu sehr vereinnahmt wird, ist man quasi in ihm verschwunden und es gibt keinen wirklichen Kontakt und damit keine wirkliche Beziehung mehr zu ihm, was genauso einsam machen kann wie zu große Distanz.

Weil Menschen soziale Wesen sind, werden sie körperlich oder psychisch krank, wenn sie keinen Kontakt, keine Bindungen zu anderen Lebewesen haben. Viele Studien zeigen, dass nicht so sehr Wohlstand oder Armut an sich über Gesundheit und Wohlbefinden entscheiden, sondern die Frage, ob man sich in der Umgebung, in der man lebt, akzeptiert fühlt. In diesem Sinne kann man auch die Ergebnisse einer kürzlich in den Medien viel erwähnten Untersuchung verstehen, die zeigt, dass die Lebenserwartung von Geringverdienern geringer ist als die des Durchschnitts und sogar sinkt. Menschen, die sich abgewertet und als nutzlos aus der Gemeinschaft ausgeschlossen fühlen, vernachlässigen sich auch selbst. Diese Untersuchung widerlegt im Übrigen auch das Vorurteil, dass es Harz IV- Empfängern und Arbeitslosen auf Kosten der Allgemeinheit gut geht. In der Regel schämen sie sich für ihren Status und versuchen, bevor sie resignieren, sehr vieles, um wieder in die Gesellschaft rein zu kommen.

Aber nicht nur bei Ihnen kann man sehen, dass Menschen fast alles tun, um dazuzugehören:
– Jugendliche und sogar schon Kinder brauchen bestimmte Markenartikel, damit sie im Kindergarten in der Schule und in ihrer Clique nicht Außenseiter werden, und wir alle kaufen Dinge, weil wir glauben, sie haben zu müssen, um mit unseren Freunden, Kollegen und Nachbarn mithalten zu können
– alte Menschen haben Angst, zum „alten Eisen“ zu gehören und damit ausgeschlossen zu sein und es ist letztlich die Angst vieler Menschen, alleine nicht überleben zu können, die im Rahmen der aktuellen Wirtschaftskrisen immer wieder als „Zukunftsangst“ bezeichnet wird
– Arbeitnehmer wehren sich an ihrem Arbeitsplatz nicht gegen krankmachende Bedingungen, sondern machen weiter bis zum „Burnout“, weil sie Angst haben rauszufliegen
– Firmen und Arbeitgeber haben Angst, vom Finanzmarkt als Verlierer entwertet zu werden
– Politiker treffen nicht die nötigen Entscheidungen, weil sie Angst haben, nicht mehr gewählt zu werden und dadurch aus den Parlamenten rauszufliegen
– Staaten haben Angst, ihr „Rating“ zu verlieren und aus Staatengemeinschaften und Währungsunionen ausgeschlossen zu werden.

Diese uns so bestimmende Angst hat mit dem Gedanken der Konkurrenz als Prinzip des Lebens zu tun: Es ist nicht genug Liebe, Nahrung, Kleidung, Platz für alle da. Ich muss also schauen, dass ich in der Gruppe der Gewinner bleibe, sonst vereinsame, verhungere und erfriere ich. Dieses Denken durchzieht unsere privaten Beziehungen genauso wie unsere Kultur, unsere Wirtschaft und unsere Politik. Meines Erachtens scheitern auch die Klimaverhandlungen regelmäßig an diesem Punkt: Die USA, China und Indien spielen nicht mit, weil sie Angst haben, global gesehen, rauszufliegen aus der Gruppe der „Sieger“ bzw. nicht reinzukommen. Wie stark unser Denken von diesem Konkurrenzprinzip bestimmt ist, kann man auch an der gängigen Kommunikation erkennen: Vieles von dem was gesagt wird, müsste einen die Erde abhörenden Außerirdischen zu dem Schluss veranlassen, dass hier eine Art Dauerkrieg herrscht: Da schreibt die FAZ: „Nach zähem Ringen im Gefecht um die Konsolidierung der Kabelbranche steht der klare Sieger fest“, Bundeskanzlerin Merkel sagt, angesichts des globalen Wettbewerbs sei es nicht einfach, dass Deutschland internationale Spitze werde und Männermagazine verraten wie man andere aussticht und „Top-Manager“ wird – von der Sportberichterstattung ganz zu schweigen.

Das Konkurrenzprinzip, das die Angst nicht mithalten zu können schürt, hat uns an den Rand des Untergangs gebracht. Es liegt deshalb auf der Hand, die Rettung auf dem Gemeinschaftsprinzip aufzubauen. Ich glaube, es ist kaum vorstellbar, welche Entspannung eintreten würde, wenn an die Stelle des allgemeinen Druckes, nach oben zu kommen, um nicht unterzugehen, als Leitmotiv der Grundgedanke treten würde, dass jeder Mensch unabdingbar zur menschlichen Gemeinschaft gehört und dass diese es als ihr oberstes Ziel ansieht, ihm das Überleben bis zu seinem natürlichen Tod zu sichern.

Alle privaten, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Handlungen könnten von diesem Gedanken geleitet werden, allen Menschen das Leben zu ermöglichen. Die zentrale Frage bei allen Theorien und Handlungen wäre dann: Dienen sie dem gemeinsamen Überleben? (Statt: verschaffen sie mir/uns einen Vorteil gegenüber anderen?). Dient dieses Abkommen, dieses Gesetz, die Herstellung dieses Produktes, dieser Markt, dieses Finanzsystem usw. dem gemeinsamen Überleben oder widerspricht es diesem Prinzip? Die Botschaft der Gemeinschaft und ihrer Institutionen an den Einzelnen lautet dann: Wir sorgen für Dich, damit du leben kannst, Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf hast. Egal ob du in Somalia oder in New York lebst, wer immer du bist, was immer du tust, du brauchst keine Angst zu haben, ausgeschlossen zu werden, zu verhungern, zu erfrieren oder ausgegrenzt zu werden, weil du auf jeden Fall zu uns, zur menschlichen Gemeinschaft gehörst. Die Menschheit ist an einem Punkt, an dem sie das sowohl organisatorisch wie auch technisch leicht verwirklichen kann. Aber im Denken, im Bewusstsein wäre das ein wirklicher „Paradigmenwechsel“ ein „neues Denken“, wie es derzeit von allen Seiten gefordert wird.

Im Sinne des alten Konkurrenz-Bildes, in dem der „Mensch des Menschen Wolf“ ist (das schon deshalb nicht stimmt, weil Wölfe Menschen nicht angreifen) kommt an dieser Stelle das Argument, dass dann ja entweder keiner mehr was tun würde oder zumindest ein Teil auf Kosten von anderen leben würde. Dagegen kann ich nur einwenden, dass alle Drohungen mit Ausgrenzung und alle tatsächliche Ausgrenzung nicht dazu führen, dass Menschen „gut“ werden, sondern im Gegenteil zu Angst, Misstrauen, Egoismus und Gewalt führen. Kein Mensch wird böse oder faul geboren. Es sind immer entsprechende Erfahrungen die zu problematischen Erlebens- und Verhaltensweisen führen. Gewalttäter haben in aller Regel selbst Gewalt erfahren. Menschen, die andere ausnutzen, wurden selbst in irgendeiner Form ausgenutzt und versuchen so einen Ausgleich zu schaffen. Und Menschen, die in ihrer Kindheit von anderen gut versorgt wurden, werden nicht zu egoistischen Wesen, sondern geben das, was sie erfahren haben, an andere weiter. Deshalb bin ich sicher, dass Menschen, die sich von einer Gemeinschaft sicher getragen fühlen, sehr viel fürsorglicher und auch kreativer handeln würden, als solche, die sich vom Ausschluss bedroht fühlen und aus Angst handeln.

Eine entsprechende Veränderung des Menschen- und Weltbildes zeichnet sich in einer Fülle von wissenschaftlichen Studien der letzten Zeit ab: etwa die Entdeckung der „Spiegelneuronen“ im Gehirn, die uns das fühlen lassen, was andere empfinden, oder eine Untersuchung die zeigt, dass sich die Gehirnwellen und andere physiologische Parameter von Menschen bei einem tiefen Gespräch synchronisieren und – besonders beeindruckend – die eine Studie zur Moral von Kindern, die zeigte, dass schon 18 Monate alte Babys versuchen zu helfen, wenn ein Mensch in Not ist, und ein Gefühl für Fairness haben.

Mir ist klar, dass die Proklamierung eines solchen Fürsorgeprinzips nicht von jetzt auf gleich zu einer anderen Welt führen würde, und dass es vermutlich bei der Umsetzung viele Schwierigkeiten geben würde, weil wir als Menschen nicht einfach umprogrammiert werden können. Ich glaube aber schon, dass die Einführung eines neuen Leitmotivs zu einer Umstimmung im globalen Denken und Handeln führen würde, die alle Bereiche des Lebens beeinflussen würde. Und ich glaube, wie gesagt, dass es zu einer unglaublichen Entlastung aller Menschen führen würde. Und ich denke, dass dieses Umdenken bereits im Gange ist. Dieser Blogeintrag ist nichts weiter als ein Beitrag dazu.

Wofür die Occupy-Bewegung eintreten kann: Ein neues Weltbild als Grundlage von Politik und Wirtschaft


… und das jedes Hundes natürlich auch.

Gestern brachte der Deutschlandfunk eine einstündige Reportage zur Occupy-Bewegung und es hat mich sehr beeindruckt, wie eine Gruppe junger Teilnehmer des Camps auf dem Frankfurter Börsengelände dem Versuch des Reporters widerstand, sie zu abwertenden Äußerungen über „die Banker“ zu provozieren. Sie seien gegen die bestehenden Strukturen aber sie wollten niemanden persönlich verunglimpfen, sie seien gewillt, mit jedem, auch mit den Repräsentanten dieser Strukturen, zu reden, so der standhaft beibehaltene Tenor ihrer Aussagen. Wenn sich diese Haltung in der neuen Protestbewegung durchsetzt, dann wäre das tatsächlich ein Heraustreten aus dem bestehenden System der Spaltung in gute und schlechte Menschen, die bislang alle Versuche der Veränderung und des Erhalts bestehender Verhältnisse prägt.

Es wird immer wieder kritisiert, dass die Occupy-Bewegung keine politischen und wirtschaftlichen Alternativen aufzeige und diese wehrt sich, indem sie entgegnet, dass sie sich in ihrem Protest nicht unter Leistungsdruck setzten lasse und sich von keiner bestehenden Richtung vereinnahmen lassen wolle. Diese Szene spiegelt die allgemeine Ratlosigkeit sowohl auf Seiten der Bewegung wie auch auf der ihrer Kritiker wider und es ist die besondere Tugend der Aktivisten, dass sie diesbezüglich ehrlich sind. Ich denke, dass es tatsächlich nicht mehr um das Aufzeigen von politischen und wirtschaftlichen Alternativen gehen kann, weil diese die bestehenden Strukturen nicht grundsätzlich in Frage stellen. Ich glaube, dass das Unwohlsein, das derzeit viele Menschen verspüren, nicht mit dem Versagen von Politik und Wirtschaft zu tun hat, sondern mit dem Weltbild das diesem Versagen zugrunde liegt.

In diesem Weltbild sind wir isolierte Wesen, isolierte Staaten, isolierte „Währungsunionen“ ohne tieferen Sinn, die zwar in fataler Abhängigkeit von einander stehen aber letztlich doch Konkurrenten sind und gegeneinander kämpfen müssen, um nicht vom anderen gefressen oder entwertet und ausgestossen zu werden. Und die richtige Politik und die richtige Wirtschaft sollen das verhindern. Sie sollen dafür sorgen, dass wir genügend haben (Geld, Güter, Arbeit, Bevölkerung, Wachstum, umweltfreundliche Energie und Mobilität), damit wir den Konkurrenzkampf in einer feindlichen Umwelt bestehen können und uns nicht wert- und sinnlos  fühlen. Es ist dieses Weltbild, dass die gegenwärtigen Krisen hervorruft, die Ausbeutung der Erde, die Zerstörung der Umwelt, die Hungerkatastrophen und die immer weiter auseinander gehende Schere zwischen Reich und Arm.

Langsam wird deutlich, dass sämtliche bestehenden politischen und wirtschaftlichen Systeme für die derzeitige krisenhafte Entwicklung keine Lösungen haben. Es gibt weder in linken noch in rechten noch in mittleren „Lagern“ wirkungsvolle Konzepte gegen die globale Krise. (Vor kurzem ging die Meldung durch die Medien, dass das Ausmaß des Anstiegs des globalen CO2-Ausstosses trotz der weltweiten Bemühungen um Reduktion selbst die pessimistischsten Prognostiker überrascht habe.) Und auch die Rezepte der bestehenden Umweltbewegung haben letztlich fatale Auswirkungen, wenn etwa die Forderung nach erneuerbaren Energien dazu führt, dass die Industrie solche tatsächlich herstellt und dadurch über die Abholzung von Urwäldern und die Umnutzung landwirtschaftlicher Flächen die Umweltprobleme noch vergrößert, und wenn mit diesen Energien ein die Erde ausbeutendes Wachstum vorangetrieben wird, um die allseits beschworene „Konkurrenzfähigkeit“ zu erhalten.

Auch wenn ich mich in diesem Blog wiederhole: Ich hoffe, dass es der neuen globalen Bewegung gelingt, für etwas einzutreten, nämlich für ein neues Weltbild als Grundlage unseres politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Handelns:
– für ein Weltbild in dem die Güter der Erde für alle reichen
– für ein wahrhaft ökologisches Weltbild in dem Lebewesen und Dinge nicht isoliert voneinander existieren, sondern alles mit allem zusammenhängt
– für ein Weltbild in dem klar ist, dass ich das, was ich dem anderen zufüge, mir selbst zufüge
– für ein Weltbild in dem die Würde aller Lebewesen als gegeben gilt
– für ein Weltbild in dem Wachstum vor allem als geistiges Wachstum gesehen wird
– für ein Weltbild in dem die Erkenntnisse der Physik über das Raum-Zeit-Kontinuum und über die Äquivalenz und die Unzerstörbarkeit von Energie und Materie in unsere Lebenspraxis einfließen und uns die Angst vor dem Tod nehmen, und in dem es deshalb Sinn macht, sich so zu verhalten, als würden wir ewig leben, statt zu glauben, dass nach uns ruhig die Sintflut kommen kann.
– für ein Weltbild in dem klar ist, dass wir Leben nicht machen können, sondern nur als Wunder verstehen können
– für ein Weltbild in dem alles einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nur annäherungsweise erkennen können, und in dem es deshalb nichts Wertloses gibt.

Albert Einstein schrieb 1932: „Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.“

Wir brauchen ein Weltbild, in dem dieses „Gefühl des Geheimnisvollen“ den Platz einnimmt, den derzeit der Glaube an die Sinnlosigkeit unseres Lebens innehat – mit all seinen fatalen Folgen.