Konkurrenz tötet. Wir überleben gemeinsam oder gar nicht – Weitere Überlegungen zur Destruktivität als gegen das Leben gerichtete Kraft

IMG_3469

Auf den „Nachdenkseiten“ findet sich ein aufwühlendes Interview mit dem Journalisten Wolfgang Koschnick über die Krise der Demokratie. Er beschreibt darin sehr eindrücklich, wie in unserer Demokratie die Regierung und der Staatsapparat längst nicht mehr das Volk vertreten, sondern ihre eigenen Interessen gegen zumindest große Teile des Volkes (was sich u.a. in den zurückgehenden Wahlbeteiligungen ausdrückt) und er meint dazu:

„Dem liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass auch ein Politiker, ebenso wie jeder andere Mensch, seinen eigenen Nutzen zu maximieren versucht. In der Politik und in der Bürokratie besteht der Nutzen indes nicht allein in Geld, sondern ebenso in Macht, Wiederwahl, Medienapplaus, Pfründen, Privilegien, der Zahl der Untergebenen und höherem Budget.“

Ich finde es immer besonders interessant, welche Ursachen in solchen Analysen für die festgestellten Fehlentwicklungen ausgemacht werden. Warum versucht „ein Politiker ebenso wie jeder andere Mensch seinen eigenen Nutzen zu maximieren“, wenn es doch auf die Dauer in den Untergang aller führt, wie Wolfgang Koschnick feststellt:

„Die gestern und heute lebenden Generationen haben die Einkünfte künftiger Generationen schon heute aufgezehrt und zehren sie ungerührt weiter auf. Der Mittelstand wird in einem sich über Jahrzehnte erstreckenden Prozess buchstäblich zwischen den Fronten zerrieben – als direkte Folge des demokratischen Systems; denn er ist die einzige verbliebene große Sozialschicht, die einstweilen noch ohne gar zu großes Risiko ausgesaugt werden kann. Doch wie lange noch? Die Unterschicht ist weitgehend zerschröpft und muss sogar vom Staat alimentiert werden. (…) Hier zeigt sich einmal mehr die selbstzerstörerische Eigendynamik der entwickelten Demokratien. Die einzige Bevölkerungsschicht, auf der das politische und wirtschaftliche System dauerhaft ruht, wird nach und nach von den Rändern her angefressen und aufgezehrt. Und das wird so lange gehen, bis die Mittelschicht im Kern vernichtet ist.“

Wolfgang Koschnick liefert keine Erklärung für die Ursachen. Er sagt dazu lediglich: „Es ist dies aber nicht das Werk eines finsteren Diktators, der sein Volk aussaugt. Es ist das Werk einer auf dem Boden des repräsentativen Parteienstaats gedeihenden, teils gewissenlosen, teils gleichgültigen und teils einfach auch nur hilflosen und unfähigen Politikerkaste, die sich ständig mehr mit sich selbst beschäftigt und der das eigene luxuriöse Hemd näher als die verschlissenen Hosen der breiten Bevölkerung ist.“

Und nach Lösungen gefragt antwortet er, er habe keine, es handle sich um eine Strukturkrise. „Man wirft mir mitunter vor, meine Kritik an den entwickelten repräsentativen Demokratien sei ja höchst berechtigt. Aber „bloß Kritik“ sei ja geistlos. Ich solle doch auch eine Lösung des Problems vorschlagen. Wer das sagt, hat noch nicht einmal im Ansatz begriffen, dass meine Kritik auf die in allen Demokratien in ein- bis zweihundert Jahren herangewachsenen, in Stein gemeißelten Strukturen zielt. Ich wäre ja schon froh, wenn die meisten Leute sich darüber im Klaren wären, dass die Demokratien der Welt auf den eigenen Niedergang zusteuern. Sie haben derzeit ja nur ein rudimentäres Bewusstsein dieses drohenden Untergangs. Mit lustigen Vorschlägen, die ein Autor aus einem kleinen Dorf am Bodensee dafür macht, wie man den Untergang der verkrusteten entwickelten repräsentativen Demokratien vermeiden könnte, könnte sich der Autor nur blamieren. Bedeutete das doch: „Mit ein paar ulkigen Tricks kommt man da wieder ‘raus!“. Man muss das noch einmal deutlich sagen: Es handelt sich um eine schwerwiegende STRUKTURKRISE.“

Ich glaube, die Ursache dieser Strukturkrise und die Tatsache dafür, dass Wolfgang Koschnick keine Lösungsvorschläge für sie hat, liegen in dem offensichtlich auch von ihm nicht hinterfragten Menschenbild, dass nämlich, wie er meint, jeder Mensch von Natur aus nur seinen eigenen Nutzen zu maximieren sucht. Mit einem solchen Bild eines naturgegebenen Egoismus, in dem andere Menschen zwangsläufig Konkurrenten sind, bleibt angesichts der daraus resultierenden Missstände nicht viel mehr als Resignation.

Diesem vom (Sozial-)Darwinismus geprägten Menschenbild widersprechen neuere Untersuchungen wie z.B. die an Kleinkindern von Michael Tomasello und Felix Warneken am Max-Planck-Institut Leipzig und an der Universität Harvard. Sie zeigen, dass fast alle Kinder von sich aus und ohne Belohnung versuchen, anderen, die vorgeblich in Not sind, zu helfen: „Auf der Grundlage psychologischer Studien zeigt Warneken seit einigen Jahren, dass, entgegen der weitverbreiteten entwicklungspsychologischen Annahme, altruistisches Handeln nicht in erster Linie Effekt eines Sozialisierungsprozesses, sondern eine intrinsische Fähigkeit des Menschen sei. Bereits in frühester Kindheit ist zu beobachten, dass Kinder nicht nur einander sondern auch Erwachsenen helfen und zwar ohne erwartbare Belohnungen oder vorherige Differenzierungen derjenigen, denen sie helfen. Es scheint also vielmehr, als setze gerade erst die Vergesellschaftung des Kindes dieser bedingungslosen Hilfsbereitschaft Grenzen und präge dadurch menschlichen Interaktionen das Kalkulationsprinzip eigenen Nutzens ein.“ (Aus der Ankündigung eines Vortrages an der Universität Heidelberg). Ein Video dazu gibt es hier. (Ich finde es besonders bemerkenswert, dass die Kinder helfen, obwohl ihre mit anwesenden Mütter nichts tun.)

Die Frage ist also, welche offensichtlich nicht intrinsischen Kräfte das sind, die der bedingungslosen Hilfsbereitschaft Grenzen setzen und der menschlichen Interaktion das Kalkulationsprinzip des eigenen Nutzens einprägen. Bei der Antwort auf diese Frage helfen zwei erkenntnistheoretische Vorschläge: Die Bibel meint: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, wir können aber mit Helmut Kohl auch einen zeitgenössischeren Autor bemühen: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“ meinte er, und ich finde, er hat recht.

Was kommt hinten raus bei einem Menschenbild, das davon ausgeht, dass wir alle Konkurrenten sind?

– Es kommen die von Wolfgang Koschnick beschriebenen und von uns allen erlebten politischen und gesellschaftlichen Missstände und Krisen heraus.
– Es kommen Kriege um die Vorherrschaft über Rohstoffe heraus, in denen viele Menschen sterben und unsägliches Leid verursacht wird.
– Es kommen Fremdenfeindlichkeit, Faschismus und Rassismus heraus.
– Es kommen Kämpfe um Arbeitsplätze und an Arbeitsplätzen heraus, einhergehend mit Mobbing, Burnout, Depressionen und Suiziden (in Spanien ist die Suizidrate seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 um 20% gestiegen).
-Es kommen krankmachende und tödliche Arbeitsbedingungen in Ländern heraus, in denen die Rohstoffe für Konsumartikel ab- und angebaut werden und diese hergestellt werden.
– Es kommen Beziehungsunfähigkeit und -trennungen heraus, unter denen nicht nur die Partner sondern vor allem auch deren Kinder leiden, denn jede/r muss nicht nur ständig den eigenen Marktwert testen sondern auch den des Partners / der Partnerin an möglichen Besseren messen.
– Und es kommt vor allem die Zerstörung der Natur und damit unserer Lebensgrundlagen heraus, auf die wir aus Gründen der nationalen Wettbewerbsfähigkeit und der persönlichen Konkurrenz im Konsumverhalten mit Freunden, Kollegen und Nachbarn keine Rücksicht nehmen können.

Es besteht kein Zweifel, der Geist der Konkurrenz und des Wettbewerbs behindert und zerstört das Leben während er vorgibt es zu fördern. Es wird unter der Herrschaft dieses Geistes auch kein „Survival of the Fittest“ also kein Überleben der Stärksten geben, weil er keine Rücksicht kennt und nicht aufgibt, bis niemand mehr übrig ist; auch die jeweiligen „Sieger“ müssen sich wiederum gegenseitig bekämpfen. Und weil er nicht nur die Menschen selbst sondern auch die Grundlagen des Lebens zerstört.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel beim Menschenbild, mit dessen Hilfe es wieder möglich ist, das, was uns dazu bringt, uns (selbst-)zerstörerisch zu verhalten, zu erkennen und uns davon zu distanzieren. Wir müssen tatsächlich wieder werden wie die Kinder, die von diesem destruktiven Konkurrenzgeist noch nicht infiziert sind. Sonst werden wir nicht überleben.

Advertisements

Wofür die Occupy-Bewegung eintreten kann: Ein neues Weltbild als Grundlage von Politik und Wirtschaft


… und das jedes Hundes natürlich auch.

Gestern brachte der Deutschlandfunk eine einstündige Reportage zur Occupy-Bewegung und es hat mich sehr beeindruckt, wie eine Gruppe junger Teilnehmer des Camps auf dem Frankfurter Börsengelände dem Versuch des Reporters widerstand, sie zu abwertenden Äußerungen über „die Banker“ zu provozieren. Sie seien gegen die bestehenden Strukturen aber sie wollten niemanden persönlich verunglimpfen, sie seien gewillt, mit jedem, auch mit den Repräsentanten dieser Strukturen, zu reden, so der standhaft beibehaltene Tenor ihrer Aussagen. Wenn sich diese Haltung in der neuen Protestbewegung durchsetzt, dann wäre das tatsächlich ein Heraustreten aus dem bestehenden System der Spaltung in gute und schlechte Menschen, die bislang alle Versuche der Veränderung und des Erhalts bestehender Verhältnisse prägt.

Es wird immer wieder kritisiert, dass die Occupy-Bewegung keine politischen und wirtschaftlichen Alternativen aufzeige und diese wehrt sich, indem sie entgegnet, dass sie sich in ihrem Protest nicht unter Leistungsdruck setzten lasse und sich von keiner bestehenden Richtung vereinnahmen lassen wolle. Diese Szene spiegelt die allgemeine Ratlosigkeit sowohl auf Seiten der Bewegung wie auch auf der ihrer Kritiker wider und es ist die besondere Tugend der Aktivisten, dass sie diesbezüglich ehrlich sind. Ich denke, dass es tatsächlich nicht mehr um das Aufzeigen von politischen und wirtschaftlichen Alternativen gehen kann, weil diese die bestehenden Strukturen nicht grundsätzlich in Frage stellen. Ich glaube, dass das Unwohlsein, das derzeit viele Menschen verspüren, nicht mit dem Versagen von Politik und Wirtschaft zu tun hat, sondern mit dem Weltbild das diesem Versagen zugrunde liegt.

In diesem Weltbild sind wir isolierte Wesen, isolierte Staaten, isolierte „Währungsunionen“ ohne tieferen Sinn, die zwar in fataler Abhängigkeit von einander stehen aber letztlich doch Konkurrenten sind und gegeneinander kämpfen müssen, um nicht vom anderen gefressen oder entwertet und ausgestossen zu werden. Und die richtige Politik und die richtige Wirtschaft sollen das verhindern. Sie sollen dafür sorgen, dass wir genügend haben (Geld, Güter, Arbeit, Bevölkerung, Wachstum, umweltfreundliche Energie und Mobilität), damit wir den Konkurrenzkampf in einer feindlichen Umwelt bestehen können und uns nicht wert- und sinnlos  fühlen. Es ist dieses Weltbild, dass die gegenwärtigen Krisen hervorruft, die Ausbeutung der Erde, die Zerstörung der Umwelt, die Hungerkatastrophen und die immer weiter auseinander gehende Schere zwischen Reich und Arm.

Langsam wird deutlich, dass sämtliche bestehenden politischen und wirtschaftlichen Systeme für die derzeitige krisenhafte Entwicklung keine Lösungen haben. Es gibt weder in linken noch in rechten noch in mittleren „Lagern“ wirkungsvolle Konzepte gegen die globale Krise. (Vor kurzem ging die Meldung durch die Medien, dass das Ausmaß des Anstiegs des globalen CO2-Ausstosses trotz der weltweiten Bemühungen um Reduktion selbst die pessimistischsten Prognostiker überrascht habe.) Und auch die Rezepte der bestehenden Umweltbewegung haben letztlich fatale Auswirkungen, wenn etwa die Forderung nach erneuerbaren Energien dazu führt, dass die Industrie solche tatsächlich herstellt und dadurch über die Abholzung von Urwäldern und die Umnutzung landwirtschaftlicher Flächen die Umweltprobleme noch vergrößert, und wenn mit diesen Energien ein die Erde ausbeutendes Wachstum vorangetrieben wird, um die allseits beschworene „Konkurrenzfähigkeit“ zu erhalten.

Auch wenn ich mich in diesem Blog wiederhole: Ich hoffe, dass es der neuen globalen Bewegung gelingt, für etwas einzutreten, nämlich für ein neues Weltbild als Grundlage unseres politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Handelns:
– für ein Weltbild in dem die Güter der Erde für alle reichen
– für ein wahrhaft ökologisches Weltbild in dem Lebewesen und Dinge nicht isoliert voneinander existieren, sondern alles mit allem zusammenhängt
– für ein Weltbild in dem klar ist, dass ich das, was ich dem anderen zufüge, mir selbst zufüge
– für ein Weltbild in dem die Würde aller Lebewesen als gegeben gilt
– für ein Weltbild in dem Wachstum vor allem als geistiges Wachstum gesehen wird
– für ein Weltbild in dem die Erkenntnisse der Physik über das Raum-Zeit-Kontinuum und über die Äquivalenz und die Unzerstörbarkeit von Energie und Materie in unsere Lebenspraxis einfließen und uns die Angst vor dem Tod nehmen, und in dem es deshalb Sinn macht, sich so zu verhalten, als würden wir ewig leben, statt zu glauben, dass nach uns ruhig die Sintflut kommen kann.
– für ein Weltbild in dem klar ist, dass wir Leben nicht machen können, sondern nur als Wunder verstehen können
– für ein Weltbild in dem alles einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nur annäherungsweise erkennen können, und in dem es deshalb nichts Wertloses gibt.

Albert Einstein schrieb 1932: „Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.“

Wir brauchen ein Weltbild, in dem dieses „Gefühl des Geheimnisvollen“ den Platz einnimmt, den derzeit der Glaube an die Sinnlosigkeit unseres Lebens innehat – mit all seinen fatalen Folgen.

Zu den Reaktionen der Politik auf die Atomkatastrophe in Japan

Nun hat sich also herausgestellt, dass die Atomkraftwerke eines Landes, an dessen technischer Kompetenz bislang keine Zweifel bestanden, entgegen anderslautender Versprechungen nicht sicher sind. Es ist nur logisch, dass dadurch auch die entsprechenden Versicherungen anderer Staaten auf höchstem technischen Niveau wie Deutschland unglaubwürdig werden. Es gibt, seit es Atomkraftwerke gibt, Menschen, die gesagt haben, dass diese nicht sicher sind. Sie hatten recht. Und es gibt Menschen, die behauptet haben, die Atomkraftwerke seien sicher. Sie haben sich geirrt. Die Integrität und Glaubwürdigkeit von Politiker/innen, die bislang Atomkraftwerke mit dem Argument, sie seien sicher, befürwortet und ihren Betrieb beschlossen haben, hängt meines Erachtens nun davon ab, ob sie ihren Irrtum einsehen und zugeben können. Denn Selbsterkenntnis ist der erste und unabdingbare Weg zur Besserung. Ohne die Anerkennung der Wahrheit und das Eingeständnis „ich habe mich geirrt“ bleiben alle Kehrtwendungen dieser Politiker bloßes Taktieren.