Verantwortung zum Zweiten: Ursachen der Finanzkrise

Der Untersuchungsausschuss des US-Kongresses zur Finanzkrise hat seinen Abschlussbericht vorgelegt. In der SZ findet sich dazu ein Kommentar, in dem das vorherrschende Bild der Bürger als unmündige Opfer der Machenschaften „höherer Mächte“ deutlich wird. Das Resumee lautet: „Hätten zentrale Akteure in der Firmen- und der Politikwelt anders gehandelt, wäre die Katastrophe dem Globus wohl erspart geblieben.“

Kein Wort über diejenigen, die den Bankern ihre spekulativen Angebote abgekauft haben, über die Massen von Aktionären und Anlegern, die sich in ihrem Handeln lediglich an der Höhe der Rendite orientierten. Dieser – gängige – Umgang mit dem Thema bestärkt das Bild von Menschen als unmündig Abhängigen, die alles schlucken, was ihnen vorgegeben wird. Folglich brauche ich mich als „Normalbürger“ auch weiterhin nicht um die Konsquenzen meines Handelns für andere zu kümmern: Verantwortlich sind die „Akteure in der Firmen- und der Politikwelt“.

Diese Sichtweise bestärkt meines Erachtens den Fehler im System: Denn das Prinzip der Verantwortungsweitergabe macht vor den „Akteuren“ nicht halt: Auch die Firmen nehmen für sich in Anspruch, dass sie nur den Gesetzen des Marktes folgen, und die Politiker, dass sie den „Willen der Wähler“ ausführen. Und so dreht sich die Spirale der Verantwortungslosigkeit weiter.

Ich glaube, dass nur die Veränderung des derzeitigen Bildes des Menschen hin zu einem verantwortlichen Wesen verhindern kann, dass sich solche Katastrophen ständig wiederholen. Dafür spricht meines Erachtens auch die Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich dem Prinzip der Profitmaximierung nicht unterwerfen und die deshalb nicht zur Finanzkrise beigetragen haben.

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6 Gedanken zu “Verantwortung zum Zweiten: Ursachen der Finanzkrise

  1. Hallo Manfred,
    ich finde es immer wieder erhellend, wie klar Du den Finger in unsere Wunden legst.
    Gerade die Amerikaner machen mit ihrer Gesetzgebung extrem deutlich, wie unmündig ihre Bürger sind. So muss in jedem Produktbeipackzettel, welche Risiken bei welcher Handhabung zu erwarten sind. Anstatt darauf zu setzen, dass jeder sein Risiko selbst trägt, wenn er ein Produkt kauft. Mit dieser Verantwortungsumkehr würden wir auch wieder mündiger und müssen nicht immer die Verantwortung auf andere schieben. Und wir bräuchten auch weniger Regeln, weil wir wieder besser miteinander umgehen.
    Aber ein kritischer Antreibe bleibt. So lange wir die Gewinnmaximierung im Monetären sehen und nicht im sinnvollen Miteinander Leben, werden wir weiterhin diese Krisen sehen. Ich hoffe nur, dass wir zeitnah genug eine andere Lebensweise hinbekommen ohne in tiefste Anomie (Anarchie mit Ordnung ist, was viele bisher falsch verstanden haben, die Wohltat) zu fallen, wo dann das absolute Recht des Stärkeren auf der Staße herrscht.
    Lieben Gruß, Martin

    • Lieber Martin,
      herzlichen Dank für Deine Rückmeldung. Ich kann Dir nur zustimmen was die Einflüsse der amerikanischen Strategie auf die Mündigkeit betrifft, das geht in Richtung „denken lassen“, statt selbst zu denken.
      Und ich hoffe auch, dass wir es schaffen, einen Paradigmenwechsel hinzukriegen, ohne angesichts der zunehmenden Bedrohungen durch Umweltkatastrophen, Überbevölkerung und sozialer Ungerechtigkeiten ins Chaos zu stürzen. In diesem Zusammenhang finde ich es sehr aufregend, was derzeit in der arabischen Welt vor allem in Ägypten passiert. Ich hoffe sehr, dass Veränderungen auch ohne diese explosive Druckentladung vonstatten gehen können (und daran arbeiten wir ja) aber was dort passiert ist wirklich ein Musterbeispiel für die Gratwanderung zwischen Destruktivität und Konstruktivität bei solchen Veränderungen. Schade dass in der Berichterstattung über die destruktiven Seiten dieses Prozesses wie Plünderungen immer wieder von Anarchie gesprochen wird. Damit wird suggeriert, dass tatsächlich zu hierarchischer Herrschaft keine Alternative besteht. In diesem Zusammenhang fand ich Deine Ausführungen zu Anarchie wirklich sehr erhellend.
      Herzliche Grüße
      Manfred

  2. Lieber Manfred,
    ja, es ist auffällig, wie häufig Nachrichtensprecher und Journalisten gerade des ZDF und ARD den Begriff Hierarchie anstelle von Anomie verwenden. Daher habe ich gestern auch eine Mail ans ZDF geschickt mit der Bitte, dass man daran etwas tun möge, gelte es doch ihrerseitns einen Bildungsanspruch wahrzunehmen. ich bin mal gespannt, ob es da eine Antwort geben wird. Aber vielleicht müssen sich da ja mehrere melden, bis sich etwas tut. Solange der Begriff aber immer wieder so negativ daher kommt, wird es schwierig, die Mitmenschen auf diese Lebensalternative aufmerksam zu machen.
    Viele Grüße, Martin

  3. Lieber Manfred,
    Abschaum, so habe ich einmal in jungen Jahren lernen dürfen, schwimmt immer oben, egal wieviel man rührt…!
    Will sagen, solange ich die Schlechtigkeit der Welt beklage und gleichzeitig mich diebisch darüber freue daß die Kassiererin so blöd war und sich zu meinen Gunsten verrechnet hat(vice versa würde ich sofort den Marsch blasen, wo kämen wir da hin)solange ich mich nicht freimachen kann vom eigenen Vorteil(meistens nicht von langer Dauer) solange wird dieses Prinzip leben.
    Oft genug bin ich schon als Idiot bezeichnet worden weil ich bei der Metro nachbezahlt habe, dabei mache ich das ja nicht um die Metro zu retten sondern vor mir selber zu bestehen. Erkläre ich dieses,ernte ich oft den Ausdruck Idiot.Liegt es an der Klientel? Da ist sie wieder die Frage nach der Verantwortung und wie stelle bzw. gehe ich mit Ihr um. Nur im kleinen kann ich großes bewegen, daran glaube ich und Danke für Deine schöne Seite im Netz!
    Viele liebe Grüße vom Peter

    • Lieber Peter,
      vielen Dank für diesen Kommentar. Dein Beispiel zeigt sehr gut, wie Verantwortungsübernahme im Zusammenleben aussieht, und dass sie nicht nur für die Mitmenschen sorgt sondern auch für das Selbstwertgefühl wichtig ist.
      Herzliche Grüße
      Manfred

  4. Es gibt zwei Hierarchien und eine hat Macht. An dem können auch die öffentlich-rechtlichen nicht vorbei. Demokratie ist eine Farce, wenn wir sie nicht dort ausüben, wo wir leben, es gibt keine theoretische Demokratie. Da stehen wir alle noch in den Startlöchern….

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