Es gibt keine bösen Menschen – Wenn wir Destruktivität beenden wollen, müssen wir sie als lebensfeindliche Kraft verstehen, die Menschen infiziert

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Die folgenden Überlegungen erwuchsen anfangs aus meiner Arbeit als Psychotherapeut. Im Umgang mit leidenden Menschen ist die zentrale Frage naturgemäß die, was sie leiden lässt, das heißt vor allem, was sie dazu bringt, so schlecht mit sich umzugehen, aber auch, was andere dazu gebracht hat, so schlecht mit ihnen umzugehen. Ich hatte zunehmend Probleme damit, dass dieses Schlechte, von dem sich die Menschen u.a. in Psychotherapien zu befreien versuchten, in ihnen selbst seine Ursache haben sollte. Bzw. in anderen Menschen, die dann logischerweise als „böse“ klassifiziert werden müssen, zumindest dann, wenn man die Verursacherkette zurückverfolgt bis zu „Adam und Eva“.
In dieser Zeit stieß ich auf das Buch einer Kollegin, die die Theorie aufstellte, dass es für die Behandlung von bestimmten psychischen Leiden hilfreich sei, davon auszugehen, dass diese Patienten von einer nicht von ihnen selbst ausgehenden, autonom wirkenden destruktiven Kraft angegriffen werden. (Ingrid Baumert: Das Selbst ist der Weg. Verlag: Die blaue Eule, Bochum.) Ich empfand diese Theorie für meine Arbeit als sehr hilfreich und sie hat mein Denken entscheidend verändert, wofür ich sehr dankbar bin. Das Nachfolgende hat sich aus meiner Auseinandersetzung mit dieser Theorie entwickelt, bzw. aus deren Ausweitung auf andere Lebensbereiche.

Das Böse
Mit dem Bösen meine ich die destruktiven Kräfte, die das Leben einschränken und schädigen: Zum einen die subtile oder brachiale Gewalt, die das Leben eines anderen Menschen schädigt und zerstört (Mobbing, Mord, Krieg etc.), zum anderen die destruktiven Gedanken, Gefühle und Handlungen, die das eigene Leben einschränken und schädigen bis hin zum Suizid, (das, was wir als psychische Probleme und Erkrankungen bezeichnen) und schliesslich die Zerstörung der Lebensgrundlagen, die das Leben allgemein schädigt (Umweltzerstörung).

Die entscheidende Frage
Für den Umgang mit dieser Destruktivität ist meines Erachtens die alles entscheidende Frage, ob wir sie für einen Teil des Menschen halten oder für eine von ihm unabhängige Kraft. Ist es ein Teil der menschlichen Natur destruktiv zu sein oder werden Menschen dazu gebracht es zu sein?

Die Frage, warum wir nicht aufhören können, unsere Umwelt, also unsere Lebensgrundlagen zu zerstören, und die Frage warum wir nicht friedlich miteinander leben können, obwohl genug für alle da ist, sondern einander Gewalt antun bis hin zur Gefahr der totalen Vernichtung mit immer gefährlicheren Waffen, werden immer mehr zu Fragen des Überlebens der Menschheit.
Aber auch im zwischenmenschlichen und im psychischen Bereich, (der beeinflusst ist von den globalen Problemen) stellen sich drängende Fragen zu Gewalt und Destruktivität, z.B. warum die Zahl der Amokläufe zunimmt, oder was die Ursache der „Volksseuche Depression“ und der Zunahme der Zahl weiterer psychischer Erkrankungen ist, die das Leben so vieler Menschen einschränken und stark schädigen.

Es ist also dringend nötig zu klären, was Menschen gegen andere und gegen sich selbst zerstörerisch fühlen, denken und handeln lässt, was also das Destruktive, das Böse ist und wie wir damit umgehen wollen.

Das Böse als Erbe unserer Herkunft?
Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass das Destruktive ein Teil des Menschen ist, dass Menschen eben auch eine „dunkle Seite“ haben, die sie bestenfalls kontrollieren können. Vielfach wird auf unsere Herkunft aus dem Tierreich verwiesen, wo es ja auch Aggression gebe, die zum Überlebenskampf und zur natürlichen Auslese nötig sei. M.E. verlässt aber an dieser Stelle das Denken die Logik im Dienste der Rechtfertigung des Bösen. Denn Tiere sind nicht destruktiv: Sie planen und führen keinen Krieg, begehen keinen Mord und keinen Völkermord, sie foltern nicht und die zerstören auch nicht wider besseres Wissen ihre Lebensgrundlagen. Es ist also sicher nicht der tierische Selbsterhaltungstrieb im Dienste der Evolution, der uns in den Abgrund treibt. Das Böse im Menschen entstammt einer anderen Dimension als die Aggression der Tiere. Zudem käme niemand auf die Idee, bei positiven Leistungen der Menschheit ständig auf Wurzeln in der tierischen Vergangenheit zu verweisen, also Oper und Quantentheorie mit den Eigenschaften von Affen oder Mäusen zu begründen – warum es also bei anderen menschlichen „Errungenschaften“ wie Krieg tun? Ich finde es zumindest nicht hilfreich, wenn mit dem Verweis auf die tierische Aggression die Destruktivität zu etwas essentiell Menschlichem erklärt und damit als etwas Natürliches gerechtfertigt wird. Wäre nicht gerade der umgekehrte Sachverhalt naheliegend, dass wir als vernunftbegabte und im Sinne der Evolution viel weiter entwickelte Wesen, die sich mit Philosophie und Heilkunst beschäftigen, mit dem Negativen viel besser umgehen können, als die Tiere?

Appelle und Drohungen helfen nicht
Ausgehend von der Sichtweise des Destruktiven als Teil der menschlichen Natur bleibt angesichts der Bedrohungen, die wir allenthalben erleben nur, an die Vernunft der Menschen zu appellieren, und sie dazu zu bringen, ihre negativen Seiten zu kontrollieren: Sie sollen ihre Aggression beherrschen, die Politik des „Auge um Auge“ überwinden und friedlich bleiben, die Gier zügeln, umweltschädlichen Konsum beenden, nationale Interessen zurück stellen, um das „Zwei-Grad-Ziel“ bei der Erderwärmung politisch zu ermöglichen usw.

Aber es ist völlig offensichtlich, dass trotz aller Appelle die Destruktivität weitergeht. Trotz der Existenz von immer mehr Umweltschutzorganisationen und -aktivitäten steigt die menschengemachte Umweltzerstörung weiter an. Und die Gefahr einer Zerstörung zumindest großer Teile der Erde und der Menschheit durch immer zerstörerischere Waffen in den Händen von immer mehr, sich immer unversöhnlicher gebärdenden Gruppen wächst weiter, trotz UN, NGOs und Friedensbewegungen. Und auch wenn Historiker sagen, die Menschheit sei im Laufe ihrer Geschichte, gemessen am Anteil der Gewaltopfer an der Bevölkerung, friedlicher geworden, so ist doch auch klar, dass die Qualität der destruktiven Mittel viel gefährlichere Dimensionen erreicht hat. Es nützt wenig, wenn es bezogen auf die Bevölkerungszahl zwar heute weniger Kriege und Gewaltopfer gibt als im Mittelalter, wenn die Menschheit an den Folgen eines einzigen Atomschlages oder an der selbst gemachten Umweltzerstörung zugrunde geht.

Appelle und Verweise auf historische Entwicklungen bewirken nicht, dass die Gewalt aufhört und die Gefahr abnimmt. Aber auch Drohungen helfen ganz offensichtlich nicht gegen fremd- und selbstschädigendes Verhalten. So haben auch alle Horrorszenarien über die Folgen der Umweltschädigung durch Menschen deren destruktives Handeln nicht verändert. Und selbst die persönlich erfahrenen Auswirkungen von Hochwasser- und Sturmkatastrophen, deren Zusammenhang mit dem Klimawandel für die Klimaforscher als erwiesen gilt, führen zu keiner Verhaltensänderung bei den Betroffenen. Es ist vollkommen klar, dass der ökologische Fußabdruck gerade auch der Mitglieder der „Wohlstandsgesellschaften“ noch weiter wächst, daran haben alle „fünf vor-Zwölf“- Drohungen nichts geändert. Mittlerweile gibt es bei vielen Menschen bereits eine defätistische „fünf nach Zwölf – eh schon Wurscht“-Haltung.

Auch im Bereich der zwischenmenschlichen Destruktivität helfen Appelle und Drohungen offensichtlich nicht, nicht einmal die Schlimmste: Keine Studie konnte belegen, dass die Einführung der Todesstrafe zu einer Senkung der Zahl der Kapitalverbrechen geführt hat.

Und auch psychische Leiden können nicht mit Drohungen und Appellen an die Vernunft gebessert werden, sie verlagern sich dadurch allenfalls auf andere Symptome. Psychotherapie ist wirkungslos, wenn der behandelte Mensch nicht lernt, dass er das Recht hat, sich gegen destruktive Gedanken und Gefühle zu wehren, also seinen (Selbst-)Wert wieder erkennt.

Wir brauchen ein anderes Verständnis der Destruktivität
Wenn Appelle an die Vernunft und Sanktionen nicht fruchten, und wir weiter auf einen Abgrund zu rasen, dann ist es meines Erachtens sinnvoll, das Wesen der Destruktivität grundsätzlich zu überdenken.

Ich denke, dass wir uns nicht gegen uns selbst wehren können und auch nicht einen Teil von uns selbst dauerhaft unterdrücken können. Wenn also die Destruktivität eine Folge der aus dem Tierreich mitgebrachten Aggression ist und damit ein Teil des Menschen, dann können wir sie nicht bekämpfen ohne uns selbst damit Gewalt anzutun. Da hilft auch das Argument nicht, dass Aggression ja nichts Schlechtes sei, sondern es erst wird, wenn sie destruktiv wirkt, denn wodurch wird sie destruktiv? Durch negative Einwirkungen von anderen, aber woher kommt deren Destruktivität? Im Grunde wissen wir, dass Destruktivität durch Einflüsse von außen entsteht. Es gibt keinen Gewalttäter, der nicht selbst Gewalt erfahren hätte, in der Regel schon in der Kindheit. Bei genauer Betrachtung kann man sehen, dass jede destruktive Handlung durch destruktive Erlebnisse des Handelnden bedingt ist. Aber wir nutzen dieses Wissen nicht. Wir tun das vielleicht noch bei uns selbst, denn in der Regel wissen wir, warum wir andere beleidigen oder ihnen Schlimmeres antun und rechtfertigen das auch damit: weil der andere mir zuerst etwas angetan hat, oder weil ich einen schlechten Tag hatte, von anderen Ereignissen gestresst bin und deshalb „die Nerven blank liegen“ usw.

Aber wir verfolgen den Gedanken der Verursachung des Schlechten durch äußere Einflüsse nicht konsequent weiter, denken ihn nicht zu Ende. Denn in den meisten Fällen von Gewalt und Destruktivität fragen wir einfach nach dem Schuldigen. Wer ist schuld? Das heißt im Klartext: Wer ist der Böse? Wir teilen damit die Menschen in Gute und Böse ein, in brave Bürger und Verbrecher. Wie inkonsequent das ist, zeigt sich daran, dass die Bösen in anderen Situationen schnell zu den Guten gezählt werden und umgekehrt. Wer kann von sich behaupten, nie etwas Böses getan zu haben? Und welcher Verbrecher hat nie etwas Gutes getan. Um es an einem extremen Beispiel zu verdeutlichen: Es ist klar, dass die Erklärung „Hitler und die Nazis (also ein Großteil der Deutschen) waren böse Menschen“ für die Zerstörung und das Leiden, das durch sie ausgelöst wurde, nicht ausreicht. Die Deutschen waren ja vor, während und nach der Nazizeit nicht jeweils andere Menschen.

Und auch im Bereich der innerpsychischen Destruktivität ist der Betroffene kein böser Mensch, der sich selbst angreift. Auch hier findet man in der Geschichte des Betroffenen mehr oder weniger subtile Traumata: Es macht keinen Sinn zu jemand mit Depressionen, Ängsten, Selbstwertproblemen oder Selbstverletzungs- und Suizidimpulsen zu sagen: „Das ist der böse Teil von dir, der dich angreift.“ Wenn das Böse ein Teil des Menschen wäre, könnten wir es niemals ablehnen. Wir würden damit uns selbst ablehnen und das macht logischerweise keinen Sinn. Wir wüssten noch nicht einmal, ob nicht der Versuch etwas zu verbessern, wieder von diesem Teil gesteuert wäre. Und jede Psychotherapie wäre sinnlos, da sie eine Heilung von etwas anstrebt, das ich selbst bin.  Und ebenso sinnlos wäre jeder Versuch, Täter – seien es Einzelne oder Kollektive – zum Positiven verändern zu wollen, da das Böse ja Teil dieser Menschen wäre und nicht einfach „weggemacht“ werden kann. Nicht einmal die „Heiler“ selbst könnten sicher sein, dass ihr Handeln nicht letztlich von etwas Bösem, das sie selbst sind, gesteuert wird. Wir könnten noch nicht einmal zwischen gut und böse unterscheiden, da wir auch dabei nie sicher sein könnten, von welchem Teil die Einschätzung ausgeht. Dass wir das sehr wohl können, zeigt der Satz: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem Andern zu“ oder, etwas komplexer, Kants Kategorischer Imperativ. Wir wissen immer, wann etwas destruktiv ist, wir können es allenfalls als Reflex auf etwas, das uns geschädigt hat, rechtfertigen, oder damit, dass es Schlimmeres verhüten soll, beschönigen.

Wenn wir also bei allen Menschen mit selbst- und fremddestruktiven Gefühlen, Gedanken und Handlungen destruktive Einflüsse auf diese selbst in der Vorgeschichte finden – dann kann man natürlich die „Täter“ dieser Vorgeschichte, (z.B. die vernachlässigenden Eltern) als die Schuldigen ausmachen. Wenn aber deren Destruktivität wiederum aufgrund von auf sie ausgeübten negativen Einflüssen zustande kam, dann muss man sich, spätestens wenn man bei Adam und Eva angekommen ist, fragen, ob nicht vielleicht doch die Schlange schuld ist. (Tatsächlich denke ich – natürlich nicht, dass die Schlange das Böse ist aber –, dass in der Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies der zentrale Wirkmechanismus des Bösen beschrieben wird, dazu weiter unten mehr.)

Wenn man die Beobachtung, dass menschliche Destruktivität immer verursacht wird durch destruktive Einflüsse, denen der Betroffene ausgesetzt war, zu Ende denkt, dann macht es keinen Sinn mehr, den Betroffenen selbst als Ursache der von ihm ausgehenden Destruktivität zu betrachten, sowenig wie es Sinn macht, einen Grippe-Infizierten für die Ursache der Krankheit zu halten.

Das Böse als eigenständige Kraft, die Menschen „infiziert“
Ich weiß, dass das nach Religion und Esoterik klingt. Aber in beidem wird, zumindest soweit ich es sehen kann, das Böse nie wirklich konsequent als vom Menschen getrennt gesehen. Es wird mit dem Teufel als dem Bösen gedroht, aber wenn ich nicht die Regeln des Systems befolge, dann kann ich sehr schnell selbst der Böse sein und bestraft oder ausgestoßen werden, etwa als „mit dem Teufel im Bunde“ oder zumindest zu schwach, um ihm zu widerstehen.

Mir geht es um eine Sichtweise, bei der der Mensch konsequent gut ist, wovon der Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ eine Ahnung vermittelt. In dieser Sichtweise ist auch die Würde (also der Wert) eines Schwerverbrechers immer gegeben. Das bedeutet, ich muss mit dem Phänomen des Verbrechens einen anderen Umgang finden, als die Bestrafung (und damit die Entwürdigung) des Täters. Da aber die Tat Ausdruck von etwas Destruktivem also Unerwünschtem ist, muss gefragt werden, was diesen Menschen dazu gebracht hat, destruktiv zu handeln und was getan werden muss, damit er damit aufhören kann. Es wird also bei destruktiven Phänomenen nicht mehr gefragt: wer ist schuld? sondern: was muss geschehen, damit der Mensch, von dem die Destruktivität ausgeht, sich von dieser trennen kann und Abwehrkräfte gegen diese „Infektion“ entwickeln kann? Das bedeutet durchaus nicht, dass dann jeder machen kann, was er will, weil es keine Sanktionen mehr gibt, wie dazu oft argumentiert wird. Es kann durchaus bedeuten, dass ein Mensch daran gehindert werden muss, weitere Taten zu begehen. Aber es bedeutet, diesen Menschen dabei nicht zu entwerten, also seine Würde nicht anzutasten. Und das wiederum kann nur gelingen, wenn ich diesen Menschen nicht mit seiner destruktiven Tat gleichsetze. Ich brauche also eine Vorstellung davon, dass dieser Mensch von etwas dazu gebracht wurde, destruktiv sein. Diese Sichtweise hat auch den Vorteil, dass man im Umgang mit dem Bösen nicht resignieren muss, weil es in ihr keine bösen Menschen gibt, die dann zwangsläufig immer wieder Böses tun werden.

Destruktivität erzeugt Destruktivität
Gewalt und Destruktivität erhalten sich dadurch, dass auf die Menschen, die sie ausüben, ebenfalls mit Gewalt reagiert wird, weil sie für die Verursacher von Gewalt und Destruktivität gehalten werden (der infizierte Mensch wird mit dem Erreger verwechselt und bekämpft). Wenn auf Menschen, die Gewalt ausüben, mit Gewalt reagiert wird, wird das lebensfeindliche Prinzip der Gewalt aufrechterhalten und fortgeführt, weil auch aus dieser „gerechten“ Gewalt wieder Gegengewalt entsteht. Diese richtet sich dann ggf. gegen Dritte oder gegen die eigene Person, wenn eine direkte Reaktion z.B. aus Gründen der Übermacht oder der Nicht-Zuordenbarkeit des Verursachers nicht möglich ist. Aus diesem Grund werden Menschen, die durch das Strafverfolgungssystem entwertet und entsprechend behandelt werden, in der Regel nicht besser, sondern destruktiver – gegen andere und / oder gegen sich selbst.
Das gilt nicht nur in konkreten Situationen zwischen Anwesenden sondern sozusagen auch indirekt: Bei Amnesty International kann man lesen: „In Kanada ist beispielsweise die Rate der Tötungsdelikte seit Abschaffung der Todesstrafe stark zurückgegangen, während sie in den Vereinigten Staaten von Amerika in Bundesstaaten mit Todesstrafe auf viel höherem Niveau stagniert oder sogar zunimmt. Manches deutet sogar darauf hin, dass die Hemmschwelle für Kapitalverbrechen dort niedriger ist, wo der Staat im Namen des Rechts selbst töten lässt.“
Was hier beschrieben wird, ist, dass die simple, für uns alle im Alltag erfahrbare Tatsache, dass Destruktivität Destruktivität erzeugt, auch für die Beziehung zwischen Staat und Bürgern gilt. Und dass die Unterbrechung oder Abschwächung dieser reflexhaften Reaktion zur Verminderung von Destruktivität führt.

Zumindest in einigen Kulturen gibt es solche Sichtweisen des Destruktiven und einen entsprechenden Umgang damit. Darauf wurde ich durch die Krimis von Tony Hillerman aufmerksam, einem 2008 verstorbenen US-Autor, der als Autorität für die Kultur der Diné- und Hopi-Indianer galt, wie bei Wikipedia steht. Seine Romane spielen in der Navajo-Reservation, die Protagonisten sind zwei indianische Polizisten. Hillerman schildert darin immer wieder deren Konflikt zwischen der Sichtweise des US-Justiz-Systems, nach dem Straftäter entwürdigend behandelt werden (und dadurch oftmals weiter in die Kriminalität abrutschen), und der Sichtweise ihrer Herkunftskultur, wonach ein Mensch, der eine böse Tat begeht, von einem Geist besessen ist, der ihn aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließen will (und damit letztlich aus dem Leben) und entsprechend eine Zeremonie braucht, mit der er wieder in diese integriert wird. Und, so wie ich es verstehe, wird ihm durch deren Art und Aufwand große Wertschätzung vermittelt. Was auf die zentrale Rolle der Entwertung in der Destruktivität hinweist.

Das Werkzeug der Destruktivität ist Entwertung
Die erste Voraussetzung dafür, dass ich auf Gewalt nicht mehr mit Gegengewalt reagiere, ist also die Erkenntnis, dass nicht der ausübende Mensch die eigentliche Ursache ist. Ich kann dann erkennen, dass meine durch die Gewalt ausgelösten Rache-Impulse Ausdruck einer Infektion mit einem lebensfeindlichen Prinzip sind, die nicht weitergegeben sondern überwunden werden sollte.

Aber selbst mit dieser Erkenntnis trifft uns Gewalt und Destruktivität an einer empfindlichen Stelle, an der wir normalerweise reflexhaft reagieren. Dies geschieht durch den zentralen Wirkmechanismus der Destruktivität, die Entwertung. Leiden-schaffende Gewalt und Ungerechtigkeit kann erst dann ausgeübt werden, wenn vorher entwertet wurde. Das Opfer hat es verdient, es ist selbst schuld, es ist böse und / oder minderwertig usw. Die Ursache dieser Fremdentwertung ist die drohende Selbstentwertung: Das kann ich mir nicht gefallen lassen, sonst bin ich feige, oder: Ich muss meine Macht demonstrieren, um mich (wieder) wertvoll zu fühlen.

Kriege sind ein gutes Beispiel für die Entwertungsdynamik des Destruktiven: Ein Krieg gegen ein anderes Volk kann nur begonnen werden, wenn dieses vorher entwertet wird, sei es, indem man es zum Aggressor erklärt, oder in dem man es als etwas an sich Minderwertiges deklariert, das den eigenen, höherwertigen Zielen entgegensteht. Entsprechend wäre man selbst minderwertig, wenn man sich das bieten ließe etc. So wurden vor dem Genozid in Ruanda 1994 die Tutsi in der Hasspropaganda der Hutu-Extremisten monatelang als Kakerlaken diffamiert. Aktuell ist dieser Mechanismus sehr gut am „Krieg gegen den Terror“ und dessen Kehrseite, dem „Krieg gegen die Feinde des Islam“, zu beobachten.

Die Entwertung durch Destruktivität findet prinzipiell in zwei Formen statt: gegen andere gerichtet (man wird aggressiv, d.h. zum Täter) oder gegen sich selbst gerichtet (man wird depressiv, d.h. zum Opfer). Also: Der andere ist minderwertig (böse, dumm, primitiv usw.), ich muss ihn bestrafen, kann ihn unterwerfen oder umbringen und muss es tun, um nicht selbst minderwertig zu sein. Oder aber: Ich bin minderwertig (böse, dumm, ein Versager usw.), ich darf geschädigt werden, muss bestraft werden, mir sollte es nicht gut gehen, ich sollte nicht da sein, sollte mich umbringen.

Dadurch, dass wir die Wertung von Menschen als legitim anerkennen, wird das lebensfeindliche Prinzip ständig neu erzeugt und fortgesetzt. Kein Mensch wird geboren und empfindet oder denkt „ich bin böse und minderwertig“. Jeder Mensch erlebt und betrachtet sich zunächst als gut. Es gibt keine bösen Kinder. Aber es gibt schon sehr früh wertende Einflüsse auf das Kind. Eltern und Bezugspersonen, die selbst in einem wertenden System aufwuchsen und leben, geben ihre erlittenen Entwertungen an das Kind weiter, oder vermitteln ihm zumindest, dass es besser sein muss als andere, weil es sonst weniger wert ist. Eine Entwertung durch mächtige Erwachsene – sei sie subtil oder in Form von roher Gewalt – erzeugt im Kind in der Regel zunächst immer eine Selbstentwertung, aus der, wenn sie nicht relativiert oder wieder gut gemacht wird, später entweder eine depressiv-selbstschädigende, oder aber eine aggressiv gegen andere gerichtete, entwertende Haltung wird.

In diesem Sinne entsteht Täterschaft im Sinne der Schädigung anderer immer aus einer Wendung einer erlittenen Entwertung nach außen: Ich muss den anderen schädigen, damit ich mich besser fühle als er, weil ich mich sonst von ihm entwertet fühle.

Aber auch Gewalt gegen das eigene Selbst in Form einer psychischen Störung hat diese verinnerlichte Entwertung zur Grundlage. So ist das Erleben in der Depression „ich bin schuld und / oder weniger wert als andere“, in der Sucht „ich brauche etwas, das mich aufwertet, zumindest mir bessere Gefühle macht“, im Drang zum Missbrauch „ich brauche die Macht beim Sex, sonst bin ich schwach“ (entsprechend ist das Trauma des Missbrauchs beim Opfer „ich bin schlecht bzw. schwach, deshalb ist es mir passiert“) usf.

Weil Wertung die Grundlage der Destruktivität ist, ist die fast schon global verbreitete Sichtweise des Lebens als Konkurrenzkampf und Wettbewerb sozusagen die ideologische Absicherung des Bösen. In diesem Sinne ist das Prinzip der Wertung auch der Motor der Umweltzerstörung. Der größte Teil des umweltschädigenden Verhaltens findet auf der Basis der Wertung statt. De facto arbeitet mittlerweile fast jede Werbung mit Wertung, vom diesbezüglich offensichtlichen „Ich bin doch nicht blöd“ – Slogan bis zu den subtilen Botschaften der Mode-, Schönheits- und Gesundheitsindustrie, die uns klarmachen, dass der natürliche Prozess des Älterwerdens ein persönliches Versagen darstellt. Die Botschaften die uns immer und überall umgeben, lauten: „Es gibt Bessere und Schlechtere und die Schlechteren sind wertlos und werden ausgestoßen.“ Und: „Du bist, was du hast und du hast nie genug, denn es gibt andere, die mehr haben oder es zumindest darauf anlegen, Dich zu überholen.“

Auch wenn es weder die Politik noch die Wirtschaft noch die Krankenkassen sehen wollen (oder besser gesagt: können): Die „Volksseuche Depression“ und die „Burnout-Welle“ ist durch diesen Geist verursacht. Aber der ist entsprechend dem vom destruktiven Prinzip erzeugten Bild des Menschen als Konkurrenzkämpfer „alternativlos“, weil wir Wachstum brauchen und unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten müssen, um nicht von anderen („den Indern“) überholt zu werden usw..

Die Vertreibung aus dem Paradies und seine Rückgewinnung
Ich hatte oben gesagt, dass man, wenn man die Reihe der Verursacher von Leiden und daraus resultierender Destruktivität konsequent zurückverfolgt, irgendwann bei „Adam und Eva“ landet, und, wenn man auch die ersten Menschen nicht als essentiell böse betrachten will, bei der Schlange endet.
Tatsächlich sehe ich in der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies eine Bestätigung meiner Gedanken über die Rolle der Wertung als zentralem Mechanismus der Destruktivität. In diesem Mythos ist m.E. dargestellt, wie das Böse durch Wertung das Leiden in die Welt bringt.
Dort heißt es: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.“ Das ist also das Kennzeichen des Paradieses: Das Bewusstsein, dass man ein Abbild Gottes, d.h. etwas Wertvolles ist. Dann aber kommt das Böse (in Form der Schlange) und entwertet die Menschen indem es einfach behauptet, sie seien noch minderwertig (und müssten erst noch perfekt werden, indem sie etwas Bestimmtes tun): Sie sagt: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott.“ Adam und Eva lassen sich vom Bösen entwerten, indem sie diesem glauben, dass sie nicht bereits wie Gott seien und es folgt das bekannte Drama mit Scham, Minderwertigkeitsgefühlen und daraus resultierender Destruktivität. Als nächstes erzählt die Geschichte das Schicksal von Adams und Evas Kindern: Kain bringt seinen Bruder Abel um, weil er glaubt, im Vergleich zu diesem (in den Augen Gottes) minderwertig zu sein. Das ist also die Vertreibung aus dem Paradies: der Verlust des Bewusstseins des eigenen unabänderlichen Wertes, der „Gottgleichheit“; der Glaube, dieser Wert müsste erst erworben, erkämpft und verteidigt werden.

Daraus ergibt sich, dass nur das (Wieder-)Erkennen dieses unabdingbaren Wertes des Menschen, also der „unantastbaren Würde“, und die damit einhergehende Zurückweisung jeder Entwertung – durch welche Form der Destruktivität auch immer – dem Leiden ein Ende setzen und das Paradies zurückbringen kann.

Und das ist nach der Erkenntnis, dass das Destruktive eine vom Menschen unabhängige Kraft ist, die zweite Voraussetzung dafür, den Teufelskreis der Destruktivität durchbrechen zu können: Die Erkenntnis, dass ich als Mensch nicht zu entwerten bin. Menschen können leiden (körperliche und seelische Schmerzen haben), ohne dadurch selbst- oder fremddestruktiv zu werden, solange sie sich durch das Leiden nicht entwertet fühlen. Solange sie das Bewusstsein ihrer Würde noch haben, können Menschen viele Dinge aushalten, ohne destruktiv zu handeln oder zu fühlen, auch den Tod. Sobald aber das Leiden als Entwertung erlebt wird, wirkt es destruktiv. Wenn ich also weiß, dass meine Würde unantastbar ist, mein Wert immer gegeben ist, (in meiner Sichtweise weil ich ein Teil des Lebens bin, das nichts Wertloses hervorbringt), dann brauche ich ihn nicht zu beweisen, indem ich andere entwerte und sie angreife, und ich brauche den Wert auch nicht „wiederherzustellen“ indem ich mich an denen räche, die mich entwerten wollten, indem sie mich angriffen.

Die Unterscheidung von Gut und Böse als Zurückweisung des Angriffs auf das Leben
„Und was ist dann diese böse Kraft, wenn sie nicht zum Menschen gehört?“ werde ich fast immer gefragt, wenn ich die geschilderten Ansichten vertrete. Ich sage dann oft scherzhaft: „der Teufel“, was meist Lachen auslöst. Tatsache ist, dass ich nicht weiß, was diese Kraft ist. Ich kann nur schildern was ich beobachte, nämlich dass Menschen sich als Opfer des Bösen erleben und gleichzeitig gegen sich selbst als Täter kämpfen, als wären sie zwei Personen. Dieser Widerspruch führt zwangsläufig entweder zur Projektion des Bösen auf andere Menschen oder zu Verleugnung und Verdrängung oder zu Ohnmacht, Verzweiflung und Resignation. Letztere Haltung nimmt, speziell, was Kriege und Umweltzerstörung betrifft, in privaten und öffentlichen Meinungen zu: Menschen seien eben doch nicht so vernünftig und im Grunde egoistisch usw. Ein populärer Witz bringt das auf den Punkt: Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: „Wie gehts?“ Der andere antwortet: „Schlecht, ich leide unter Befall von Homo sapiens.“ Sagt der erste: „Keine Sorge, das hatte ich auch, das geht vorbei.“ Dieser Witz zeigt die Absurdität der Vorstellung das Zerstörerische sei der Mensch selbst in aller Klarheit: Ich habe die Fähigkeit, das Schlechte zu erkennen, ich bin dessen Opfer und ich habe die Möglichkeit, es durch mein Handeln zu beenden, aber ich klage mich stattdessen als das Schlechte selbst an und befürworte die „Endlösung“ meiner Beseitigung.

Ich weiss nicht, was diese gegen das Leben gerichtete Kraft ist. Aber ich weiß auch nicht, was das Leben ist, von dem ich räumlich und zeitlich ein Teil bin. Ich habe mich nicht selbst hervorgebracht und kenne auch die Kraft nicht, die das getan hat. Aber es macht für mich keinen Sinn, dem was mich hervorgebracht hat zu misstrauen, das Leben schlecht zu finden und es anzugreifen wie mir diese Gegenkraft suggeriert. Mir scheint, dass es geradezu der Sinn des menschlichen Lebens ist, sich fortlaufend gegen diese Gegenkraft und für das Leben zu entscheiden, also Gut und Böse zu unterscheiden und danach zu handeln.

 

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Die Rettung der Welt durch Essen – zum Zweiten

Heuer schaffe ich es nicht, zur Demonstration für eine vernünftige Landwirtschaft anlässlich der „Grünen Woche“ nach Berlin zu fahren. Der folgende Blogeintrag ist ein Versuch, trotzdem einen Beitrag zu diesem Thema zu leisten. Der Text entstand, weil ich bei Einladungen oder im Restaurant immer wieder gefragt werde, warum ich mich vegan ernähre und ich dann meistens die Fakten und Zahlen, die mich dazu bewegt haben, nicht aus dem Gedächtnis wiedergeben kann. Ich nehme dann diesen Text als Merkhilfe und schicke ihn ggf. auch jemandem als PDF.

Warum ich mich vegan ernähre
Offensichtlich hat die Art der Ernährung mehr Einfluss auf Umwelt, Klima und Hunger in der Welt, als alle sonstigen Faktoren. Das weitaus Effektivste, was ein einzelner Mensch zur Rettung der Erde tun kann, ist nicht Bahnfahren, Papier recyceln oder Strom sparen, sondern richtig essen. Und das bleibt tatsächlich in der persönlichen Verantwortung jedes Menschen, denn es wird keine Gesetze geben, die uns vorschreiben, was wir essen dürfen, und der Markt wird das produzieren, was er verkaufen kann.

51 % aller klimaschädlichen Emissionen entstehen durch die Produktion tierischer Nahrungsmittel, also mehr als durch alle anderen Faktoren wie Verkehr, Industrie und sonstiger privater Konsum zusammengenommen.
(Studie des Worldwatch-Instituts, durchgeführt von Umweltspezialisten der Weltbank)

Die Klima-relevanten Emissionen eines durchschnittlichen Alles-Essers werden laut Foodwatch
– durch vegetarische Ernährung inklusive Eiern und Milchprodukten auf die Hälfte
– durch konventionell angebaute pflanzliche Ernährung auf 1/8
– durch pflanzliche Ernährung mit Bio-Produkten auf 1/17 reduziert.

In den letzten Jahrzehnten sind 2/3 der Urwälder der Erde abgeholzt worden.
Die Welternährungsorganisation FAO der UN stellte in einer 2006 veröffentlichten Studie fest
– dass 70 % des abgeholzten Amazonaswaldes für Viehweiden und ein Großteil der restlichen 30 % für Futtermittelanbau verwendet wird
– dass 70 % der weltweiten landwirtschaftlichen Flächen für die Viehhaltung verwendet werden
– dass auf der Fläche eines Grundstückes, die benötigt wird, ein Kilo Fleisch zu erzeugen, im selben
 Zeitraum 200 kg Tomaten oder 160 kg Kartoffeln angebaut werden könnten
– dass für die Erzeugung von 1 Kilo Fleisch bis zu 16 kg Getreide verfüttert werden.
Durch pflanzliche Ernährung rettet ein Mensch jährlich 4 Quadratkilometer Wald.

50 % der Weltgetreideernte und 90 % der Weltsojaernte werden zur Fütterung von Nutztieren verwendet.

Für 1 Kilo Fleisch werden 15 000 Liter Wasser, für einen Liter Kuhmilch 1000 Liter Wasser benötigt. Eine Ernährung mit pflanzlichen Lebensmitteln spart im Vergleich zur Ernährung mit tierischen Produkten pro Jahr bis zu 5 Millionen Liter Wasser.

Allein die Nutztiere der USA produzieren 130 mal mehr Ausscheidungen als die gesamte menschliche Population (40 000 kg pro Sekunde). Die Exkremente von Nutztieren führen zu großen Umweltbelastungen, z.B. zur Belastung des Grundwassers und der Böden mit Nitrat, aber auch mit Rückständen von Medikamenten wie Antibiotika und Hormonen, die in der Tierzucht eingesetzt werden. Das in ihnen enthaltene Ammoniak ist wesentlich am sauren Regen und damit am Waldsterben beteiligt.

Ein Großteil des Hungers in der Welt hat mit dem Konsum tierischer Produkte zu tun: durch die Herstellung von zum Export bestimmtem Fleisch direkt, oder durch den Anbau von zum Export bestimmten Futtermitteln auf den Flächen, auf denen pflanzliche Lebensmittel für die Menschen vor Ort oder auch zur Lieferung in von Trockenheit betroffene Gebiete produziert werden könnten. Der Guardian schrieb dazu am 24.12.2002: „Es scheint jetzt offensichtlich, dass eine vegane Ernährung die einzig ethische Antwort auf das weltweit wohl dringlichste Problem sozialer Gerechtigkeit ist.“

Jedes Jahr werden weltweit über 50 Milliarden Nutztiere und hunderte Milliarden Meerestiere für die menschliche Ernährung getötet. Der Fischbestand in den Meeren ist in letzter Zeit um 
90% zurückgegangen.


Quelle: Greenpeace Österreich

Treibhauseffekt der Herstellung von LebensmittelnQuelle: Foodwatch Deutschland

Vergleich: Landverbrauch zur Produktion von 1 kg Nahrungsmittel
Quelle: Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus

Wofür die Occupy-Bewegung eintreten kann: Ein neues Weltbild als Grundlage von Politik und Wirtschaft


… und das jedes Hundes natürlich auch.

Gestern brachte der Deutschlandfunk eine einstündige Reportage zur Occupy-Bewegung und es hat mich sehr beeindruckt, wie eine Gruppe junger Teilnehmer des Camps auf dem Frankfurter Börsengelände dem Versuch des Reporters widerstand, sie zu abwertenden Äußerungen über „die Banker“ zu provozieren. Sie seien gegen die bestehenden Strukturen aber sie wollten niemanden persönlich verunglimpfen, sie seien gewillt, mit jedem, auch mit den Repräsentanten dieser Strukturen, zu reden, so der standhaft beibehaltene Tenor ihrer Aussagen. Wenn sich diese Haltung in der neuen Protestbewegung durchsetzt, dann wäre das tatsächlich ein Heraustreten aus dem bestehenden System der Spaltung in gute und schlechte Menschen, die bislang alle Versuche der Veränderung und des Erhalts bestehender Verhältnisse prägt.

Es wird immer wieder kritisiert, dass die Occupy-Bewegung keine politischen und wirtschaftlichen Alternativen aufzeige und diese wehrt sich, indem sie entgegnet, dass sie sich in ihrem Protest nicht unter Leistungsdruck setzten lasse und sich von keiner bestehenden Richtung vereinnahmen lassen wolle. Diese Szene spiegelt die allgemeine Ratlosigkeit sowohl auf Seiten der Bewegung wie auch auf der ihrer Kritiker wider und es ist die besondere Tugend der Aktivisten, dass sie diesbezüglich ehrlich sind. Ich denke, dass es tatsächlich nicht mehr um das Aufzeigen von politischen und wirtschaftlichen Alternativen gehen kann, weil diese die bestehenden Strukturen nicht grundsätzlich in Frage stellen. Ich glaube, dass das Unwohlsein, das derzeit viele Menschen verspüren, nicht mit dem Versagen von Politik und Wirtschaft zu tun hat, sondern mit dem Weltbild das diesem Versagen zugrunde liegt.

In diesem Weltbild sind wir isolierte Wesen, isolierte Staaten, isolierte „Währungsunionen“ ohne tieferen Sinn, die zwar in fataler Abhängigkeit von einander stehen aber letztlich doch Konkurrenten sind und gegeneinander kämpfen müssen, um nicht vom anderen gefressen oder entwertet und ausgestossen zu werden. Und die richtige Politik und die richtige Wirtschaft sollen das verhindern. Sie sollen dafür sorgen, dass wir genügend haben (Geld, Güter, Arbeit, Bevölkerung, Wachstum, umweltfreundliche Energie und Mobilität), damit wir den Konkurrenzkampf in einer feindlichen Umwelt bestehen können und uns nicht wert- und sinnlos  fühlen. Es ist dieses Weltbild, dass die gegenwärtigen Krisen hervorruft, die Ausbeutung der Erde, die Zerstörung der Umwelt, die Hungerkatastrophen und die immer weiter auseinander gehende Schere zwischen Reich und Arm.

Langsam wird deutlich, dass sämtliche bestehenden politischen und wirtschaftlichen Systeme für die derzeitige krisenhafte Entwicklung keine Lösungen haben. Es gibt weder in linken noch in rechten noch in mittleren „Lagern“ wirkungsvolle Konzepte gegen die globale Krise. (Vor kurzem ging die Meldung durch die Medien, dass das Ausmaß des Anstiegs des globalen CO2-Ausstosses trotz der weltweiten Bemühungen um Reduktion selbst die pessimistischsten Prognostiker überrascht habe.) Und auch die Rezepte der bestehenden Umweltbewegung haben letztlich fatale Auswirkungen, wenn etwa die Forderung nach erneuerbaren Energien dazu führt, dass die Industrie solche tatsächlich herstellt und dadurch über die Abholzung von Urwäldern und die Umnutzung landwirtschaftlicher Flächen die Umweltprobleme noch vergrößert, und wenn mit diesen Energien ein die Erde ausbeutendes Wachstum vorangetrieben wird, um die allseits beschworene „Konkurrenzfähigkeit“ zu erhalten.

Auch wenn ich mich in diesem Blog wiederhole: Ich hoffe, dass es der neuen globalen Bewegung gelingt, für etwas einzutreten, nämlich für ein neues Weltbild als Grundlage unseres politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Handelns:
– für ein Weltbild in dem die Güter der Erde für alle reichen
– für ein wahrhaft ökologisches Weltbild in dem Lebewesen und Dinge nicht isoliert voneinander existieren, sondern alles mit allem zusammenhängt
– für ein Weltbild in dem klar ist, dass ich das, was ich dem anderen zufüge, mir selbst zufüge
– für ein Weltbild in dem die Würde aller Lebewesen als gegeben gilt
– für ein Weltbild in dem Wachstum vor allem als geistiges Wachstum gesehen wird
– für ein Weltbild in dem die Erkenntnisse der Physik über das Raum-Zeit-Kontinuum und über die Äquivalenz und die Unzerstörbarkeit von Energie und Materie in unsere Lebenspraxis einfließen und uns die Angst vor dem Tod nehmen, und in dem es deshalb Sinn macht, sich so zu verhalten, als würden wir ewig leben, statt zu glauben, dass nach uns ruhig die Sintflut kommen kann.
– für ein Weltbild in dem klar ist, dass wir Leben nicht machen können, sondern nur als Wunder verstehen können
– für ein Weltbild in dem alles einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nur annäherungsweise erkennen können, und in dem es deshalb nichts Wertloses gibt.

Albert Einstein schrieb 1932: „Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.“

Wir brauchen ein Weltbild, in dem dieses „Gefühl des Geheimnisvollen“ den Platz einnimmt, den derzeit der Glaube an die Sinnlosigkeit unseres Lebens innehat – mit all seinen fatalen Folgen.

Muttis Sauerbraten und der Untergang der Welt – Vom Glück und von den Schwierigkeiten durch Essen die Umwelt zu schützen


Sonntag, 10. Oktober 2010

Vor eineinhalb Jahren habe ich beschlossen, mich vegan zu ernähren. Ausschlaggebend war ein Zeitungsartikel, in dem die CO2-Bilanzen verschiedener Ernährungsweisen verglichen wurden. Weitere Recherchen führten zu einem eindeutigen Bild:

Entsprechend einer Studie des Worldwatch-Instituts entstehen 51% der klimaschädlichen CO2- und Methan-Emissionen durch die Nutztierhaltung. Foodwatch Deutschland hat errechnet, dass vegetarische Ernährung inklusive Milchprodukten und Eiern etwa die Hälfte der klimaschädlichen Emissionen eines durchschnittlichen Fleischessers verursacht, bei veganer Ernährung mit konventionell angebauten Lebensmitteln sind es noch knapp 1/8 und bei einer Umstellung auf Bio-Pflanzenkost sind es sogar nur noch 1/17. Andere Quellen kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Ich glaubte ihnen. Ich war bereits seit über 20 Jahren Vegetarier, also schien mir der Schritt hin zu pflanzlicher Kost aus Umweltschutzgründen eine logische Entwicklung.

Ich traf die Entscheidung und verwirklichte sie sofort. Es war überraschend leicht. Weiterlesen »

Humanismus statt Materialismus – Gedanken über neue Werte in einer globalisierten Welt


Sonntag 13. Juni 210
 

Eicke R. Weber, der Leiter des Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme schlägt angesichts des Scheiterns der internationalen Klimapolitik beim Klimagipfel 2010 in Bonn in der SZ vor, statt der nach Verzicht klingenden Forderung „Verringerung der Emissionen“ als Ziel lieber die hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien für alle Länder zu setzen. Dieser Vorschlag ist sicher richtig, trifft aber nicht den Kern der Probleme in der Umweltpolitik. Denn selbst wenn alle Länder ihren Energiebedarf ausschließlich aus erneuerbaren Energien decken würden, bliebe das Problem der Gerechtigkeit, also der Angleichung des Lebensstandards. Und es ist kaum vorstellbar, dass alle Bewohner dieser Erde so leben, wie die Deutschen oder gar die US-Amerikaner.Weiterlesen »

Wir machen den Wandel in der Klimapolitik selbst – Gedanken zum Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen


Donnerstag, 31. Dezember 2009

Der Text entstand als Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung und erschien auszugsweise in der Ausgabe vom 24.12.09.

In Kopenhagen hat sich gezeigt, dass unser Hoffen, die Politiker könnten uns retten, vergeblich ist. Sie sind in dieselben Widerstände gegen Veränderung verstrickt, wie wir Normalbürger. Das Grundprinzip dieser Widerstände lautet: Ich verändere mich nicht, wenn es nicht (zuerst) der andere tut. Warum sollen wir Deutsche, Europäer usw. Zugeständnisse in der Klimapolitik machen, wenn die USA, China, die Schwellenländer usw. nichts tun? Warum soll ich als kleiner Bürger etwas verändern, wenn alle andern so weitermachen wie bisher, wenn die Politiker, Industriekonzerne usw. nichts tun.

Die Erkenntnis der Ökologie, dass „ich“ und „wir“ vom Rest der Welt nicht zu trennen sind sondern mit ihr in Wechselwirkung stehen, und dass deshalb jeder selbst die Verantwortung für sein Handeln trägt und diese Verantwortung nicht an Eltern, Politiker oder Gott abgeben kann, scheint für uns immer noch schwer annehmbar zu sein. Weiterlesen »