Der Geist von Orlando

DSCF6794 1

Das Attentat von Orlando ist Ausdruck eines wertenden Geistes. Sei es, dass der Geist der den Attentäter beherrschte, homosexuelle Menschen entwertete, sei es, dass er US-Bürger entwertete oder sei es, dass er den Attentäter selbst entwertete, und ihn nicht damit leben ließ, Männer zu lieben. Die Grundlage aller terroristischen Anschläge ist die Entwertung der Angegriffenen. Und sie führt stereotyp zur Gegenentwertung durch die angegriffene Gruppe und zu Vergeltungsmaßnahmen, wodurch die Gewaltspirale weitergedreht wird. Entsprechend sind auch die früheren und gegenwärtigen militärischen und geheimdienstlichen „Interventionen“, die Kehrseite dieser Medaille, und bringen wiederum  Terrorismus hervor. Dass sie  ebenfalls Ausdruck eines entwertenden Geistes sind, kann man sehen, wenn etwa die „Achse des Bösen“ bekämpft werden soll, oder wenn die „führenden“ Industrienationen meinen, „dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren“ (Ex-Bundespräsident Köhler), oder wenn sie „Regime Changes“ veranlassen,  um eigene Vorteile zu sichern dabei hinnehmen, dass bei der Ausbeutung von Rohstoffen und der Herstellung ihrer Konsumgüter auch  Menschen ausgebeutet und ins Elend gestürzt werden.

Wirtschaftliche Ausbeutung, Krieg und (der aus ihnen resultierende) Terrorismus sind Ergebnisse eines entwertenden Geistes, der suggeriert, dass nicht Kooperation sondern Konkurrenz das Prinzip des Lebens sei und daher das Leben ein Kampf sei, in dem entschieden wird, wer die besseren und wer die schlechteren Menschen seien, und in dem im Darwin‘schen Sinne eben nur die Sieger (fittest) überleben können, weshalb man dann auch kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn die Verlierer nicht überleben.

Dieses Bild der Konkurrenz als Prinzip des menschlichen Lebens durchdringt immer stärker alle Lebensbereiche und ist insbesondere die Grundlage der gesamten Weltwirtschaft mit ihrem Leitthema der „Wettbewerbsfähigkeit“.

Propagiert und als „Spaß“ verkauft  wird dieses Prinzip durch Sportarten, in denen es um das Gegeneinander geht. Fußball ist ein ein gutes Beispiel dafür. Begriffe wie „kämpfen“, „schießen“, „Sieger“, „Verlierer“ und viele andere mehr zeigen den aggressiven und wertenden Geist, der hier am Werk ist. Die Sieger bekommen dann auch mehr Geld und mehr narzißtische Bestätigung, und das ist es, was wir doch alle auch wollen, so die Botschaft. Dass es zunehmend mehr und extremere Ausschreitungen beim Fußball gibt, wie derzeit bei der EM in Frankreich in konzentrierter Form zu beobachten, ist die Folge der zunehmenden Entwertung und Ausgrenzung von Menschen durch den sich verschärfenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wettbewerb. Zunehemend mehr Menschen sehen sich in Gefahr, zu den Verlierern zu gehören („71 Prozent der erwachsenen Bevölkerung des ganzen Globus besitzen nur etwas mehr als drei Prozent des weltweiten Vermögens. Mit anderen Worten: Die große Mehrheit besitzt fast nichts im Verhältnis zum real existierenden Wohlstand. Auch in Deutschland sind die Vermögen stark konzentriert: hier besitzen 70 Prozent der Bevölkerung nur 9 Prozent des Vermögens.“ (Quelle: Oxfam) Und 66 Menschen besitzen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung (ebd.). Die in Frankreich zeitgleich mit der EM stattfindenden, von den Medien weitgehenden verschwiegenen Proteste von Millionen von Menschen gegen eine weitere Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen sind Ausdruck dieser Zusammenhänge.

Hooligans bringen lediglich das auf den Punkt, was im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wettbewerb innerhalb von Nationen und zwischen ihnen abläuft und im Fussball symbolisch vorgelebt wird: Das Leben ist ein (sich verschärfender) Kampf. Sie fühlen sich bedroht davon Verlierer zu sein und wollen endlich selbst  kämpfen und siegen. Passend dazu nennen sie sich „Freunde der dritten Halbzeit“, sie setzen nach der zweiten Halbzeit mit eigener Beteiligung das wörtlich genommen in die Tat um, was ihnen vorher symbolisch vermittelt wurde.

Es wäre an der Zeit, die überkommene Idee des Sports als Kampf in Frage zu stellen. Wir brauchen heute andere Ideale, andere Vorbilder und andere Ziele. Heute sollten andere Menschen nicht mehr als Gegner gesehen werden, diese Sichtweise hat zu unendlichem Leid geführt und die Welt an den Rand ihrer Zerstörung gebracht. Heute geht es darum, das Zusammenleben und die Zusammenarbeit zu üben. Sport sollte Fähigkeiten fördern, die dem gemeinschaftlichen Lösen der Probleme der Menschheit dienen, dem Miteinander aller statt dem Gegeneinander.

Das Attentat von Orlando und alle Terroranschläge, die zunehmenden Ausschreitungen von Fans und Hooligans bei der EM in Frankreich und anderen Fußball-“Turnieren“, die bestehenden Kriege, die Umweltzerstörung im Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte, die zunehmenden Flüchtlingsbewegungen, der Islamismus und die wachsende Rechtsradikalität haben ihren gemeinsame Ursache in einem wertenden Geist, der suggeriert, Menschen seien konkurrierende Wesen, die im Überlebenskampf gegeneinander antreten müssen.

Es müsste mittlerweile eigentlich eine Binsenweisheit sein, dass in Zeiten der zunehmenden Spaltung in oben und unten infolge wirtschaftlicher Ungleichheit, auch Rechtsradikalität zunimmt, deren ureigenstes Prinzip der Geist der Wertung und Ausgrenzung ist. Und dass sich dann die Ausgegrenzten und im Konkurrenzkampf von Abstieg und Entwertung Bedrohten ihrerseits Opfer zu suchen, die sie entwerten und ausgrenzen können. Insofern muss man Wettbewerb als faschistoid bezeichnen, denn es ist die Einteilung der Menschen in Bessere und Schlechtere, die den Geist des Faschismus kennzeichnet.

Als schwuler Mann trifft mich das Attentat von Orlando besonders, weil es Ausdruck des Hasses gegen meine Liebesfähigkeit ist. Aber es befeuert auch meine Ambivalenz gegenüber dem ausschließlichen Bemühen großer Teile der LGBT-Bewegung um gesellschaftliche Integration und Gleichberechtigung.

Homosexuelle, aber auch Frauen und andere entwertete gesellschaftliche Gruppen haben am eigenen Leib erfahren, was Entwertung und die Spaltung in bessere und schlechtere Menschen bewirkt. Daher ging es in den Anfängen der Frauen- und der Lesben- und Schwulenbewegung auch darum, die Gesellschaft, in der diese Wertung offensichtlich zum Menschenbild gehört, grundsätzlich in Frage zu stellen, und eine Gesellschaft mit anderen Werten anzustreben.

Tatsächlich kam es dann ganz anders. Eine angesichts der zunehmenden Rollenverweigerung von Frauen und des massenhaften Coming-outs von Lesben und Schwulen in ihren Grundfesten bedrohte Männergesellschaft bot diesen die Teilhabe an ihren Privilegien an – vorausgesetzt sie wären dazu bereit, sich den bestehenden Werten zu unterwerfen und zu vergessen, dass es ebendiese Werte gewesen waren, die zur ihrer Unterdrückung und Verfolgung geführt hatten. Und wir alle nahmen es dankbar an, nun endlich „normal“ sein und auch Bürgermeister, Bundeskanzlerin und Außenminister werden zu dürfen. Die Bedingung dafür war und ist, dass wir unsere Konkurrenzfähigkeit beweisen. Frauen, Schwule und Lesben dürfen jetzt auch ihre potentiellen LiebespartnerInnen im Arbeitsleben, im Sport und im Krieg bekämpfen und feiern das als Erfolg.

Und so ist die Aufteilung der Welt in Oben und Unten mit dem daraus resultierenden Prinzip der wertenden Konkurrenz geblieben. Sie verläuft nun unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung zwischen Gewinnern und Verlierern. Und wir streben weiter danach, zu den Gewinnern zu gehören und können daher deren Werte nicht in Frage stellen.

Aber Orlando und die wieder zunehmende Ablehnung von Homosexualität auch in westlichen Gesellschaften zeigen, dass unsere Integration in eine das Prinzip der Wertung nicht überwindende Gesellschaft fatal ist: Weil wir weiterhin eine auf Kontakt zueinander angewiesene und identifizierbare Gruppe sind, sind wir jederzeit wieder ausgrenz- und angreifbar, wenn andere, nun ausgegrenzte Gruppen die Macht in der (globalen) Gesellschaft übernehmen oder es zumindest versuchen. Der Geist der Wertung und Ausgrenzung kann sogar Rechtsradikale und Islamisten vereinen, wenn es darum geht,  Nicht-Heterosexuelle zu entwerten und zu vernichten.

Konkurrenz tötet. Wir überleben gemeinsam oder gar nicht – Weitere Überlegungen zur Destruktivität als gegen das Leben gerichtete Kraft

IMG_3469

Auf den „Nachdenkseiten“ findet sich ein aufwühlendes Interview mit dem Journalisten Wolfgang Koschnick über die Krise der Demokratie. Er beschreibt darin sehr eindrücklich, wie in unserer Demokratie die Regierung und der Staatsapparat längst nicht mehr das Volk vertreten, sondern ihre eigenen Interessen gegen zumindest große Teile des Volkes (was sich u.a. in den zurückgehenden Wahlbeteiligungen ausdrückt) und er meint dazu:

„Dem liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass auch ein Politiker, ebenso wie jeder andere Mensch, seinen eigenen Nutzen zu maximieren versucht. In der Politik und in der Bürokratie besteht der Nutzen indes nicht allein in Geld, sondern ebenso in Macht, Wiederwahl, Medienapplaus, Pfründen, Privilegien, der Zahl der Untergebenen und höherem Budget.“

Ich finde es immer besonders interessant, welche Ursachen in solchen Analysen für die festgestellten Fehlentwicklungen ausgemacht werden. Warum versucht „ein Politiker ebenso wie jeder andere Mensch seinen eigenen Nutzen zu maximieren“, wenn es doch auf die Dauer in den Untergang aller führt, wie Wolfgang Koschnick feststellt:

„Die gestern und heute lebenden Generationen haben die Einkünfte künftiger Generationen schon heute aufgezehrt und zehren sie ungerührt weiter auf. Der Mittelstand wird in einem sich über Jahrzehnte erstreckenden Prozess buchstäblich zwischen den Fronten zerrieben – als direkte Folge des demokratischen Systems; denn er ist die einzige verbliebene große Sozialschicht, die einstweilen noch ohne gar zu großes Risiko ausgesaugt werden kann. Doch wie lange noch? Die Unterschicht ist weitgehend zerschröpft und muss sogar vom Staat alimentiert werden. (…) Hier zeigt sich einmal mehr die selbstzerstörerische Eigendynamik der entwickelten Demokratien. Die einzige Bevölkerungsschicht, auf der das politische und wirtschaftliche System dauerhaft ruht, wird nach und nach von den Rändern her angefressen und aufgezehrt. Und das wird so lange gehen, bis die Mittelschicht im Kern vernichtet ist.“

Wolfgang Koschnick liefert keine Erklärung für die Ursachen. Er sagt dazu lediglich: „Es ist dies aber nicht das Werk eines finsteren Diktators, der sein Volk aussaugt. Es ist das Werk einer auf dem Boden des repräsentativen Parteienstaats gedeihenden, teils gewissenlosen, teils gleichgültigen und teils einfach auch nur hilflosen und unfähigen Politikerkaste, die sich ständig mehr mit sich selbst beschäftigt und der das eigene luxuriöse Hemd näher als die verschlissenen Hosen der breiten Bevölkerung ist.“

Und nach Lösungen gefragt antwortet er, er habe keine, es handle sich um eine Strukturkrise. „Man wirft mir mitunter vor, meine Kritik an den entwickelten repräsentativen Demokratien sei ja höchst berechtigt. Aber „bloß Kritik“ sei ja geistlos. Ich solle doch auch eine Lösung des Problems vorschlagen. Wer das sagt, hat noch nicht einmal im Ansatz begriffen, dass meine Kritik auf die in allen Demokratien in ein- bis zweihundert Jahren herangewachsenen, in Stein gemeißelten Strukturen zielt. Ich wäre ja schon froh, wenn die meisten Leute sich darüber im Klaren wären, dass die Demokratien der Welt auf den eigenen Niedergang zusteuern. Sie haben derzeit ja nur ein rudimentäres Bewusstsein dieses drohenden Untergangs. Mit lustigen Vorschlägen, die ein Autor aus einem kleinen Dorf am Bodensee dafür macht, wie man den Untergang der verkrusteten entwickelten repräsentativen Demokratien vermeiden könnte, könnte sich der Autor nur blamieren. Bedeutete das doch: „Mit ein paar ulkigen Tricks kommt man da wieder ‘raus!“. Man muss das noch einmal deutlich sagen: Es handelt sich um eine schwerwiegende STRUKTURKRISE.“

Ich glaube, die Ursache dieser Strukturkrise und die Tatsache dafür, dass Wolfgang Koschnick keine Lösungsvorschläge für sie hat, liegen in dem offensichtlich auch von ihm nicht hinterfragten Menschenbild, dass nämlich, wie er meint, jeder Mensch von Natur aus nur seinen eigenen Nutzen zu maximieren sucht. Mit einem solchen Bild eines naturgegebenen Egoismus, in dem andere Menschen zwangsläufig Konkurrenten sind, bleibt angesichts der daraus resultierenden Missstände nicht viel mehr als Resignation.

Diesem vom (Sozial-)Darwinismus geprägten Menschenbild widersprechen neuere Untersuchungen wie z.B. die an Kleinkindern von Michael Tomasello und Felix Warneken am Max-Planck-Institut Leipzig und an der Universität Harvard. Sie zeigen, dass fast alle Kinder von sich aus und ohne Belohnung versuchen, anderen, die vorgeblich in Not sind, zu helfen: „Auf der Grundlage psychologischer Studien zeigt Warneken seit einigen Jahren, dass, entgegen der weitverbreiteten entwicklungspsychologischen Annahme, altruistisches Handeln nicht in erster Linie Effekt eines Sozialisierungsprozesses, sondern eine intrinsische Fähigkeit des Menschen sei. Bereits in frühester Kindheit ist zu beobachten, dass Kinder nicht nur einander sondern auch Erwachsenen helfen und zwar ohne erwartbare Belohnungen oder vorherige Differenzierungen derjenigen, denen sie helfen. Es scheint also vielmehr, als setze gerade erst die Vergesellschaftung des Kindes dieser bedingungslosen Hilfsbereitschaft Grenzen und präge dadurch menschlichen Interaktionen das Kalkulationsprinzip eigenen Nutzens ein.“ (Aus der Ankündigung eines Vortrages an der Universität Heidelberg). Ein Video dazu gibt es hier. (Ich finde es besonders bemerkenswert, dass die Kinder helfen, obwohl ihre mit anwesenden Mütter nichts tun.)

Die Frage ist also, welche offensichtlich nicht intrinsischen Kräfte das sind, die der bedingungslosen Hilfsbereitschaft Grenzen setzen und der menschlichen Interaktion das Kalkulationsprinzip des eigenen Nutzens einprägen. Bei der Antwort auf diese Frage helfen zwei erkenntnistheoretische Vorschläge: Die Bibel meint: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, wir können aber mit Helmut Kohl auch einen zeitgenössischeren Autor bemühen: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“ meinte er, und ich finde, er hat recht.

Was kommt hinten raus bei einem Menschenbild, das davon ausgeht, dass wir alle Konkurrenten sind?

– Es kommen die von Wolfgang Koschnick beschriebenen und von uns allen erlebten politischen und gesellschaftlichen Missstände und Krisen heraus.
– Es kommen Kriege um die Vorherrschaft über Rohstoffe heraus, in denen viele Menschen sterben und unsägliches Leid verursacht wird.
– Es kommen Fremdenfeindlichkeit, Faschismus und Rassismus heraus.
– Es kommen Kämpfe um Arbeitsplätze und an Arbeitsplätzen heraus, einhergehend mit Mobbing, Burnout, Depressionen und Suiziden (in Spanien ist die Suizidrate seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 um 20% gestiegen).
-Es kommen krankmachende und tödliche Arbeitsbedingungen in Ländern heraus, in denen die Rohstoffe für Konsumartikel ab- und angebaut werden und diese hergestellt werden.
– Es kommen Beziehungsunfähigkeit und -trennungen heraus, unter denen nicht nur die Partner sondern vor allem auch deren Kinder leiden, denn jede/r muss nicht nur ständig den eigenen Marktwert testen sondern auch den des Partners / der Partnerin an möglichen Besseren messen.
– Und es kommt vor allem die Zerstörung der Natur und damit unserer Lebensgrundlagen heraus, auf die wir aus Gründen der nationalen Wettbewerbsfähigkeit und der persönlichen Konkurrenz im Konsumverhalten mit Freunden, Kollegen und Nachbarn keine Rücksicht nehmen können.

Es besteht kein Zweifel, der Geist der Konkurrenz und des Wettbewerbs behindert und zerstört das Leben während er vorgibt es zu fördern. Es wird unter der Herrschaft dieses Geistes auch kein „Survival of the Fittest“ also kein Überleben der Stärksten geben, weil er keine Rücksicht kennt und nicht aufgibt, bis niemand mehr übrig ist; auch die jeweiligen „Sieger“ müssen sich wiederum gegenseitig bekämpfen. Und weil er nicht nur die Menschen selbst sondern auch die Grundlagen des Lebens zerstört.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel beim Menschenbild, mit dessen Hilfe es wieder möglich ist, das, was uns dazu bringt, uns (selbst-)zerstörerisch zu verhalten, zu erkennen und uns davon zu distanzieren. Wir müssen tatsächlich wieder werden wie die Kinder, die von diesem destruktiven Konkurrenzgeist noch nicht infiziert sind. Sonst werden wir nicht überleben.

Das Fürsorgeprinzip

Was macht es uns Menschen so schwer, selbst angesichts großer Krisen unser Leben zu ändern? Zunehmend habe ich den Eindruck, dass das Haupthindernis die menschliche Grundangst vor dem Anderssein und damit vor dem Ausgeschlossen-Werden ist. Unsere größte Angst als Menschen ist wohl die, nicht dazuzugehören. Wir sind am Anfang unseres Lebens darauf angewiesen, dass uns jemand als zu ihm gehörig annimmt und so bleibt es ein Leben lang – auch wenn wir später nicht mehr einseitig abhängig sind, sondern zugleich eine aktive Rolle im „Versorgungssystem“ spielen. Eine der psychisch verheerendsten Drohungen, die Eltern ihrem Kind gegenüber aussprechen können, ist die, dass es „in der Gosse landen“ werde. Letztlich steht auch hinter der Furcht vor dem Tod die Angst, rauszufallen aus der Welt, nicht mehr dazu zu gehören. Und sogar hinter der Angst vor Nähe steht die Bedrohung mit dem Verlust des Kontakts. Denn wenn man vom anderen zu sehr vereinnahmt wird, ist man quasi in ihm verschwunden und es gibt keinen wirklichen Kontakt und damit keine wirkliche Beziehung mehr zu ihm, was genauso einsam machen kann wie zu große Distanz.

Weil Menschen soziale Wesen sind, werden sie körperlich oder psychisch krank, wenn sie keinen Kontakt, keine Bindungen zu anderen Lebewesen haben. Viele Studien zeigen, dass nicht so sehr Wohlstand oder Armut an sich über Gesundheit und Wohlbefinden entscheiden, sondern die Frage, ob man sich in der Umgebung, in der man lebt, akzeptiert fühlt. In diesem Sinne kann man auch die Ergebnisse einer kürzlich in den Medien viel erwähnten Untersuchung verstehen, die zeigt, dass die Lebenserwartung von Geringverdienern geringer ist als die des Durchschnitts und sogar sinkt. Menschen, die sich abgewertet und als nutzlos aus der Gemeinschaft ausgeschlossen fühlen, vernachlässigen sich auch selbst. Diese Untersuchung widerlegt im Übrigen auch das Vorurteil, dass es Harz IV- Empfängern und Arbeitslosen auf Kosten der Allgemeinheit gut geht. In der Regel schämen sie sich für ihren Status und versuchen, bevor sie resignieren, sehr vieles, um wieder in die Gesellschaft rein zu kommen.

Aber nicht nur bei Ihnen kann man sehen, dass Menschen fast alles tun, um dazuzugehören:
– Jugendliche und sogar schon Kinder brauchen bestimmte Markenartikel, damit sie im Kindergarten in der Schule und in ihrer Clique nicht Außenseiter werden, und wir alle kaufen Dinge, weil wir glauben, sie haben zu müssen, um mit unseren Freunden, Kollegen und Nachbarn mithalten zu können
– alte Menschen haben Angst, zum „alten Eisen“ zu gehören und damit ausgeschlossen zu sein und es ist letztlich die Angst vieler Menschen, alleine nicht überleben zu können, die im Rahmen der aktuellen Wirtschaftskrisen immer wieder als „Zukunftsangst“ bezeichnet wird
– Arbeitnehmer wehren sich an ihrem Arbeitsplatz nicht gegen krankmachende Bedingungen, sondern machen weiter bis zum „Burnout“, weil sie Angst haben rauszufliegen
– Firmen und Arbeitgeber haben Angst, vom Finanzmarkt als Verlierer entwertet zu werden
– Politiker treffen nicht die nötigen Entscheidungen, weil sie Angst haben, nicht mehr gewählt zu werden und dadurch aus den Parlamenten rauszufliegen
– Staaten haben Angst, ihr „Rating“ zu verlieren und aus Staatengemeinschaften und Währungsunionen ausgeschlossen zu werden.

Diese uns so bestimmende Angst hat mit dem Gedanken der Konkurrenz als Prinzip des Lebens zu tun: Es ist nicht genug Liebe, Nahrung, Kleidung, Platz für alle da. Ich muss also schauen, dass ich in der Gruppe der Gewinner bleibe, sonst vereinsame, verhungere und erfriere ich. Dieses Denken durchzieht unsere privaten Beziehungen genauso wie unsere Kultur, unsere Wirtschaft und unsere Politik. Meines Erachtens scheitern auch die Klimaverhandlungen regelmäßig an diesem Punkt: Die USA, China und Indien spielen nicht mit, weil sie Angst haben, global gesehen, rauszufliegen aus der Gruppe der „Sieger“ bzw. nicht reinzukommen. Wie stark unser Denken von diesem Konkurrenzprinzip bestimmt ist, kann man auch an der gängigen Kommunikation erkennen: Vieles von dem was gesagt wird, müsste einen die Erde abhörenden Außerirdischen zu dem Schluss veranlassen, dass hier eine Art Dauerkrieg herrscht: Da schreibt die FAZ: „Nach zähem Ringen im Gefecht um die Konsolidierung der Kabelbranche steht der klare Sieger fest“, Bundeskanzlerin Merkel sagt, angesichts des globalen Wettbewerbs sei es nicht einfach, dass Deutschland internationale Spitze werde und Männermagazine verraten wie man andere aussticht und „Top-Manager“ wird – von der Sportberichterstattung ganz zu schweigen.

Das Konkurrenzprinzip, das die Angst nicht mithalten zu können schürt, hat uns an den Rand des Untergangs gebracht. Es liegt deshalb auf der Hand, die Rettung auf dem Gemeinschaftsprinzip aufzubauen. Ich glaube, es ist kaum vorstellbar, welche Entspannung eintreten würde, wenn an die Stelle des allgemeinen Druckes, nach oben zu kommen, um nicht unterzugehen, als Leitmotiv der Grundgedanke treten würde, dass jeder Mensch unabdingbar zur menschlichen Gemeinschaft gehört und dass diese es als ihr oberstes Ziel ansieht, ihm das Überleben bis zu seinem natürlichen Tod zu sichern.

Alle privaten, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Handlungen könnten von diesem Gedanken geleitet werden, allen Menschen das Leben zu ermöglichen. Die zentrale Frage bei allen Theorien und Handlungen wäre dann: Dienen sie dem gemeinsamen Überleben? (Statt: verschaffen sie mir/uns einen Vorteil gegenüber anderen?). Dient dieses Abkommen, dieses Gesetz, die Herstellung dieses Produktes, dieser Markt, dieses Finanzsystem usw. dem gemeinsamen Überleben oder widerspricht es diesem Prinzip? Die Botschaft der Gemeinschaft und ihrer Institutionen an den Einzelnen lautet dann: Wir sorgen für Dich, damit du leben kannst, Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf hast. Egal ob du in Somalia oder in New York lebst, wer immer du bist, was immer du tust, du brauchst keine Angst zu haben, ausgeschlossen zu werden, zu verhungern, zu erfrieren oder ausgegrenzt zu werden, weil du auf jeden Fall zu uns, zur menschlichen Gemeinschaft gehörst. Die Menschheit ist an einem Punkt, an dem sie das sowohl organisatorisch wie auch technisch leicht verwirklichen kann. Aber im Denken, im Bewusstsein wäre das ein wirklicher „Paradigmenwechsel“ ein „neues Denken“, wie es derzeit von allen Seiten gefordert wird.

Im Sinne des alten Konkurrenz-Bildes, in dem der „Mensch des Menschen Wolf“ ist (das schon deshalb nicht stimmt, weil Wölfe Menschen nicht angreifen) kommt an dieser Stelle das Argument, dass dann ja entweder keiner mehr was tun würde oder zumindest ein Teil auf Kosten von anderen leben würde. Dagegen kann ich nur einwenden, dass alle Drohungen mit Ausgrenzung und alle tatsächliche Ausgrenzung nicht dazu führen, dass Menschen „gut“ werden, sondern im Gegenteil zu Angst, Misstrauen, Egoismus und Gewalt führen. Kein Mensch wird böse oder faul geboren. Es sind immer entsprechende Erfahrungen die zu problematischen Erlebens- und Verhaltensweisen führen. Gewalttäter haben in aller Regel selbst Gewalt erfahren. Menschen, die andere ausnutzen, wurden selbst in irgendeiner Form ausgenutzt und versuchen so einen Ausgleich zu schaffen. Und Menschen, die in ihrer Kindheit von anderen gut versorgt wurden, werden nicht zu egoistischen Wesen, sondern geben das, was sie erfahren haben, an andere weiter. Deshalb bin ich sicher, dass Menschen, die sich von einer Gemeinschaft sicher getragen fühlen, sehr viel fürsorglicher und auch kreativer handeln würden, als solche, die sich vom Ausschluss bedroht fühlen und aus Angst handeln.

Eine entsprechende Veränderung des Menschen- und Weltbildes zeichnet sich in einer Fülle von wissenschaftlichen Studien der letzten Zeit ab: etwa die Entdeckung der „Spiegelneuronen“ im Gehirn, die uns das fühlen lassen, was andere empfinden, oder eine Untersuchung die zeigt, dass sich die Gehirnwellen und andere physiologische Parameter von Menschen bei einem tiefen Gespräch synchronisieren und – besonders beeindruckend – die eine Studie zur Moral von Kindern, die zeigte, dass schon 18 Monate alte Babys versuchen zu helfen, wenn ein Mensch in Not ist, und ein Gefühl für Fairness haben.

Mir ist klar, dass die Proklamierung eines solchen Fürsorgeprinzips nicht von jetzt auf gleich zu einer anderen Welt führen würde, und dass es vermutlich bei der Umsetzung viele Schwierigkeiten geben würde, weil wir als Menschen nicht einfach umprogrammiert werden können. Ich glaube aber schon, dass die Einführung eines neuen Leitmotivs zu einer Umstimmung im globalen Denken und Handeln führen würde, die alle Bereiche des Lebens beeinflussen würde. Und ich glaube, wie gesagt, dass es zu einer unglaublichen Entlastung aller Menschen führen würde. Und ich denke, dass dieses Umdenken bereits im Gange ist. Dieser Blogeintrag ist nichts weiter als ein Beitrag dazu.

Neue Werte braucht das Land – Gedanken über Stärke


Dienstag, 5. Januar 2010

Im Forum einer Webseite über Zimmerpflanzen fand ich vorgestern einen Eintrag von jemandem, der einen Schmetterling, ein Tagpfauenauge, in seiner Wohnung gefunden hatte. Er wollte wissen ob er ihn in der Wohnung lassen könne, wenn er eine Chance habe solle, den Winter zu überleben. Während ich das las, meldeten die Radio-Nachrichten, dass bei der „Rallye Dakar“ in Argentinien eine Frau getötet und vier weitere Zuschauer verletzt worden seien, als ein deutscher Fahrer von der Bahn abgekommen sei. Die Frau sei das 57. Todesopfer in der 31-jährigen Geschichte dieses Rennens.

Die Synchronizität dieser beiden Geschichten kam mir vor wie ein Symbol für den Punkt, an dem wir in der globalen Entwicklung stehen. Weiterlesen »