Neue Werte braucht das Land – Gedanken über Stärke


Dienstag, 5. Januar 2010

Im Forum einer Webseite über Zimmerpflanzen fand ich vorgestern einen Eintrag von jemandem, der einen Schmetterling, ein Tagpfauenauge, in seiner Wohnung gefunden hatte. Er wollte wissen ob er ihn in der Wohnung lassen könne, wenn er eine Chance habe solle, den Winter zu überleben. Während ich das las, meldeten die Radio-Nachrichten, dass bei der „Rallye Dakar“ in Argentinien eine Frau getötet und vier weitere Zuschauer verletzt worden seien, als ein deutscher Fahrer von der Bahn abgekommen sei. Die Frau sei das 57. Todesopfer in der 31-jährigen Geschichte dieses Rennens.

Die Synchronizität dieser beiden Geschichten kam mir vor wie ein Symbol für den Punkt, an dem wir in der globalen Entwicklung stehen. In ihnen drücken sich meines Erachtens zwei mögliche Sichtweisen auf das Leben aus. Die eine steht für die Sorge um das Wohlergehen anderer, die andere für den Drang, diese zu besiegen. Die eine für Mitgefühl, die andere für Konkurrenz. Die zentralen Begriffe der Geschichten suggerieren eine noch weitergehende Alternative: die zwischen Leben und Tod.

Sport ist ein wesentlicher Teil unserer Gesellschaft. Das zeigt sich nicht nur an der Reaktion der Massen und der Medienberichterstattung, er ist auch politisch verankert, beispielsweise im Sportausschuss des Bundestages. Wir können also davon ausgehen, dass sich im Sport zentrale Werte unserer Kultur ausdrücken. Möglicherweise interessiert sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht für solche Extrem-Varianten wie die Rallye (Paris-)Dakar, zu der es offensichtlich gehört, auch die Tötung von Menschen in Kauf zu nehmen (statistisch gesehen 1,8 pro Veranstaltung – spontan musste ich an den Film „Rollerball“ denken, der 1975 entstand, drei Jahre vor der ersten Rallye Paris-Dakar). Nichtsdestotrotz findet sie jährlich statt und hat ihren Platz in allen wichtigen Medien. Und vielleicht bringt gerade diese Extrem-Variante etwas für unser gesellschaftliches Wertesystem Wesentliches auf den Punkt: Es geht um Konkurrenz, Kampf und Sieg um fast jeden Preis. Es geht darum, hart zu sein und kein „Warmduscher“, kein „Weichei“. Das Vokabular der dazugehörigen Berichterstattung klingt nach Krieg, ohne dass uns dies im allgemeinen besonders auffallen oder stören würde:

„Vettel sagt Button Kampf an: Als Wüstenkönig Sebastian Vettel von seinem Team auf Schultern durchs Fahrerlager getragen wurde, wollte das Grinsen gar nicht mehr aus seinem Gesicht weichen. Immer wieder reckte der 22-Jährige nach dem Sieg beim Formel-1-Finale in Abu Dhabi beinahe drohend den Zeigefinger nach oben. Es schien, als wollte „Super-Seb“ mit dieser Geste Weltmeister Jenson Button bereits den Kampf für 2010 ansagen. Vettels Gedanken drehten sich auch schon um die nächste Saison. Dann soll es mit dem WM-Titel klappen. Und wie sieht sein Fahrplan dafür aus? „Volle Attacke“, sagt Vettel angriffslustig und seine Augen funkeln dabei wild entschlossen. Der Red-Bull-Pilot war in dieser Saison die Entdeckung schlechthin, vier Siege feierte er.“ (N-TV-online 2.11.09).

Die Einstellung, die sich darin ausdrückt, finden wir nicht nur im Sport sondern in allen Bereichen unserer Gesellschaft wieder. Da müssen in der Wirtschaft Unternehmen konkurrenzfähig bleiben, um sich gegen andere durchzusetzen (und dafür selbstverständlich Opfer in Form von Arbeitsplätzen bringen), da muss die Politik dafür sorgen, dass der Standort Deutschland nicht von anderen, z.B. Schwellenländern wie Indien, überholt wird usw. Und letztlich erleben die meisten Menschen es nicht nur beruflich sondern auch privat ganz ähnlich: Ich muss besser (als der andere) sein, damit ich nicht untergehe. Es scheint in diesem System nur einen akzeptablen Platz zu geben: die Spitze. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das: Es kann nur einen geben, alle anderen sind „Loser“. (Entsprechend findet sich bei N-TV-online kurz nach dem oben zitierten Beitrag über den Rennfahrer Sebastian Vettel ein weiterer mit der Überschrift: „Vettel erster Verlierer“ zu dessen zweiten Platz bei einem Rennen.)

Das Leben als Kampf – survival of the fittest: Könnte es sein, dass die globale Krise, die Bedrohung des menschlichen Lebens auf der Erde (und nicht nur des menschlichen) durch ein Verhalten hervorgerufen wurde, das auf dieser Sichtweise beruht? Könnte es sein, dass wir immer dann, wenn wir entsprechend dieser Sichtweise handeln, den (sozialen) Tod anderer in Kauf nehmen, um selbst zu überleben? Und kann es sein, dass das ein Irrtum ist, der uns selbst das Leben kosten wird, wenn wir ihn nicht erkennen und uns ändern? Wir wissen heute, dass wir – als einzelne Menschen und als menschliche Spezies – nicht gegen andere überleben können. Dass wir nur gemeinsam mit anderen überleben können, insbesondere auch mit anderen Arten, die uns bisher feindlich, minderwertig oder unwichtig vorkamen. Vieles spricht dafür, dass das Prinzip des Lebens nicht Konkurrenz sondern Kooperation ist. Leben auf der Erde konnte entsprechend unserem gegenwärtigen Wissen überhaupt nur durch eine solche „Zusammenarbeit“ verschiedener Grundstoffe entstehen.

Wenn wir diese Erkenntnis ernst nehmen, dann sind die Werte, die dem Sport, wie er bis heute betrieben, gefördert und bejubelt wird, ebenso wie allen anderen öffentlichen Lebensbereichen zugrunde liegen, anachronistisch. Dann ist aber auch unser persönliches Wertesystem, unsere private Sicht auf das (eigene) Leben revisionsbedürftig.

Aber wie schwer fällt uns hier bei aller Einsicht die Veränderung. Kommt uns das Verhalten eines Menschen, der ein Internet-Forum bemüht, um einen Schmetterling (der noch nicht mal auf der Liste der gefährdeten Tierarten steht) zu retten, nicht leicht verrückt vor? Würde ich selbst es riskieren, mich mit einer solchen Aktion in den Augen der Mehrheit lächerlich zu machen? Also ganz ehrlich: Sexy ist das nicht oder? Begehrenswert finden wir dann vielleicht doch eher den Rallye-Sieger.

Dahinter stehen unsere Vorstellungen von „Stärke“ und „Schwäche“ und deren Bedeutung für unser Sicherheitsgefühl. Könnte es aber sein, dass Siegen eigentlich Ausdruck einer „Schwäche“ im Sinne dieser Vorstellungen ist, nämlich der Angst, minderwertig zu sein, wenn ich nicht an der Spitze stehe, und dass diese Angst zu lebensfeindlichem Verhalten führt? (Dann wäre es natürlich wichtig, sich um diese Angst zu kümmern statt weiter siegen zu müssen, um die Angst nicht zu spüren.) Und dass Fürsorge eine Stärke ist, weil sie sich auch um andere kümmern kann und dadurch für das Überleben aller sorgt?

PS: Die Sensibilisierung für diese Gedanken verdanke ich sicherlich dem Anruf eines Mannes, der sich auf die Veröffentlichung eines Leserbriefes zum Klimawandel in der SZ (siehe Blog-Eintrag vom 31.12.09) meldete. Er sagte, dass er selbst immer wieder versuche, darauf aufmerksam zu machen, welche klimaschädlichen Folgen Autorennen wie z.B. die Rallye Paris-Dakar hätten, bei der – abgesehen von Auswirkungen der Rennen selbst – Mannschaften und Autos über Tausende von Kilometern transportiert würden. Es finde allerdings mit diesem Thema wenig Gehör.

Buch:

Joachim Bauer: Prinzip Menschlichkeit – Warum wir von Natur aus kooperieren; Heyne Taschenbuch;
Ein aus meiner Sicht sehr wichtiges und gut lesbares Buch zu neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen

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