Das Fürsorgeprinzip

Was macht es uns Menschen so schwer, selbst angesichts großer Krisen unser Leben zu ändern? Zunehmend habe ich den Eindruck, dass das Haupthindernis die menschliche Grundangst vor dem Anderssein und damit vor dem Ausgeschlossen-Werden ist. Unsere größte Angst als Menschen ist wohl die, nicht dazuzugehören. Wir sind am Anfang unseres Lebens darauf angewiesen, dass uns jemand als zu ihm gehörig annimmt und so bleibt es ein Leben lang – auch wenn wir später nicht mehr einseitig abhängig sind, sondern zugleich eine aktive Rolle im „Versorgungssystem“ spielen. Eine der psychisch verheerendsten Drohungen, die Eltern ihrem Kind gegenüber aussprechen können, ist die, dass es „in der Gosse landen“ werde. Letztlich steht auch hinter der Furcht vor dem Tod die Angst, rauszufallen aus der Welt, nicht mehr dazu zu gehören. Und sogar hinter der Angst vor Nähe steht die Bedrohung mit dem Verlust des Kontakts. Denn wenn man vom anderen zu sehr vereinnahmt wird, ist man quasi in ihm verschwunden und es gibt keinen wirklichen Kontakt und damit keine wirkliche Beziehung mehr zu ihm, was genauso einsam machen kann wie zu große Distanz.

Weil Menschen soziale Wesen sind, werden sie körperlich oder psychisch krank, wenn sie keinen Kontakt, keine Bindungen zu anderen Lebewesen haben. Viele Studien zeigen, dass nicht so sehr Wohlstand oder Armut an sich über Gesundheit und Wohlbefinden entscheiden, sondern die Frage, ob man sich in der Umgebung, in der man lebt, akzeptiert fühlt. In diesem Sinne kann man auch die Ergebnisse einer kürzlich in den Medien viel erwähnten Untersuchung verstehen, die zeigt, dass die Lebenserwartung von Geringverdienern geringer ist als die des Durchschnitts und sogar sinkt. Menschen, die sich abgewertet und als nutzlos aus der Gemeinschaft ausgeschlossen fühlen, vernachlässigen sich auch selbst. Diese Untersuchung widerlegt im Übrigen auch das Vorurteil, dass es Harz IV- Empfängern und Arbeitslosen auf Kosten der Allgemeinheit gut geht. In der Regel schämen sie sich für ihren Status und versuchen, bevor sie resignieren, sehr vieles, um wieder in die Gesellschaft rein zu kommen.

Aber nicht nur bei Ihnen kann man sehen, dass Menschen fast alles tun, um dazuzugehören:
– Jugendliche und sogar schon Kinder brauchen bestimmte Markenartikel, damit sie im Kindergarten in der Schule und in ihrer Clique nicht Außenseiter werden, und wir alle kaufen Dinge, weil wir glauben, sie haben zu müssen, um mit unseren Freunden, Kollegen und Nachbarn mithalten zu können
– alte Menschen haben Angst, zum „alten Eisen“ zu gehören und damit ausgeschlossen zu sein und es ist letztlich die Angst vieler Menschen, alleine nicht überleben zu können, die im Rahmen der aktuellen Wirtschaftskrisen immer wieder als „Zukunftsangst“ bezeichnet wird
– Arbeitnehmer wehren sich an ihrem Arbeitsplatz nicht gegen krankmachende Bedingungen, sondern machen weiter bis zum „Burnout“, weil sie Angst haben rauszufliegen
– Firmen und Arbeitgeber haben Angst, vom Finanzmarkt als Verlierer entwertet zu werden
– Politiker treffen nicht die nötigen Entscheidungen, weil sie Angst haben, nicht mehr gewählt zu werden und dadurch aus den Parlamenten rauszufliegen
– Staaten haben Angst, ihr „Rating“ zu verlieren und aus Staatengemeinschaften und Währungsunionen ausgeschlossen zu werden.

Diese uns so bestimmende Angst hat mit dem Gedanken der Konkurrenz als Prinzip des Lebens zu tun: Es ist nicht genug Liebe, Nahrung, Kleidung, Platz für alle da. Ich muss also schauen, dass ich in der Gruppe der Gewinner bleibe, sonst vereinsame, verhungere und erfriere ich. Dieses Denken durchzieht unsere privaten Beziehungen genauso wie unsere Kultur, unsere Wirtschaft und unsere Politik. Meines Erachtens scheitern auch die Klimaverhandlungen regelmäßig an diesem Punkt: Die USA, China und Indien spielen nicht mit, weil sie Angst haben, global gesehen, rauszufliegen aus der Gruppe der „Sieger“ bzw. nicht reinzukommen. Wie stark unser Denken von diesem Konkurrenzprinzip bestimmt ist, kann man auch an der gängigen Kommunikation erkennen: Vieles von dem was gesagt wird, müsste einen die Erde abhörenden Außerirdischen zu dem Schluss veranlassen, dass hier eine Art Dauerkrieg herrscht: Da schreibt die FAZ: „Nach zähem Ringen im Gefecht um die Konsolidierung der Kabelbranche steht der klare Sieger fest“, Bundeskanzlerin Merkel sagt, angesichts des globalen Wettbewerbs sei es nicht einfach, dass Deutschland internationale Spitze werde und Männermagazine verraten wie man andere aussticht und „Top-Manager“ wird – von der Sportberichterstattung ganz zu schweigen.

Das Konkurrenzprinzip, das die Angst nicht mithalten zu können schürt, hat uns an den Rand des Untergangs gebracht. Es liegt deshalb auf der Hand, die Rettung auf dem Gemeinschaftsprinzip aufzubauen. Ich glaube, es ist kaum vorstellbar, welche Entspannung eintreten würde, wenn an die Stelle des allgemeinen Druckes, nach oben zu kommen, um nicht unterzugehen, als Leitmotiv der Grundgedanke treten würde, dass jeder Mensch unabdingbar zur menschlichen Gemeinschaft gehört und dass diese es als ihr oberstes Ziel ansieht, ihm das Überleben bis zu seinem natürlichen Tod zu sichern.

Alle privaten, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Handlungen könnten von diesem Gedanken geleitet werden, allen Menschen das Leben zu ermöglichen. Die zentrale Frage bei allen Theorien und Handlungen wäre dann: Dienen sie dem gemeinsamen Überleben? (Statt: verschaffen sie mir/uns einen Vorteil gegenüber anderen?). Dient dieses Abkommen, dieses Gesetz, die Herstellung dieses Produktes, dieser Markt, dieses Finanzsystem usw. dem gemeinsamen Überleben oder widerspricht es diesem Prinzip? Die Botschaft der Gemeinschaft und ihrer Institutionen an den Einzelnen lautet dann: Wir sorgen für Dich, damit du leben kannst, Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf hast. Egal ob du in Somalia oder in New York lebst, wer immer du bist, was immer du tust, du brauchst keine Angst zu haben, ausgeschlossen zu werden, zu verhungern, zu erfrieren oder ausgegrenzt zu werden, weil du auf jeden Fall zu uns, zur menschlichen Gemeinschaft gehörst. Die Menschheit ist an einem Punkt, an dem sie das sowohl organisatorisch wie auch technisch leicht verwirklichen kann. Aber im Denken, im Bewusstsein wäre das ein wirklicher „Paradigmenwechsel“ ein „neues Denken“, wie es derzeit von allen Seiten gefordert wird.

Im Sinne des alten Konkurrenz-Bildes, in dem der „Mensch des Menschen Wolf“ ist (das schon deshalb nicht stimmt, weil Wölfe Menschen nicht angreifen) kommt an dieser Stelle das Argument, dass dann ja entweder keiner mehr was tun würde oder zumindest ein Teil auf Kosten von anderen leben würde. Dagegen kann ich nur einwenden, dass alle Drohungen mit Ausgrenzung und alle tatsächliche Ausgrenzung nicht dazu führen, dass Menschen „gut“ werden, sondern im Gegenteil zu Angst, Misstrauen, Egoismus und Gewalt führen. Kein Mensch wird böse oder faul geboren. Es sind immer entsprechende Erfahrungen die zu problematischen Erlebens- und Verhaltensweisen führen. Gewalttäter haben in aller Regel selbst Gewalt erfahren. Menschen, die andere ausnutzen, wurden selbst in irgendeiner Form ausgenutzt und versuchen so einen Ausgleich zu schaffen. Und Menschen, die in ihrer Kindheit von anderen gut versorgt wurden, werden nicht zu egoistischen Wesen, sondern geben das, was sie erfahren haben, an andere weiter. Deshalb bin ich sicher, dass Menschen, die sich von einer Gemeinschaft sicher getragen fühlen, sehr viel fürsorglicher und auch kreativer handeln würden, als solche, die sich vom Ausschluss bedroht fühlen und aus Angst handeln.

Eine entsprechende Veränderung des Menschen- und Weltbildes zeichnet sich in einer Fülle von wissenschaftlichen Studien der letzten Zeit ab: etwa die Entdeckung der „Spiegelneuronen“ im Gehirn, die uns das fühlen lassen, was andere empfinden, oder eine Untersuchung die zeigt, dass sich die Gehirnwellen und andere physiologische Parameter von Menschen bei einem tiefen Gespräch synchronisieren und – besonders beeindruckend – die eine Studie zur Moral von Kindern, die zeigte, dass schon 18 Monate alte Babys versuchen zu helfen, wenn ein Mensch in Not ist, und ein Gefühl für Fairness haben.

Mir ist klar, dass die Proklamierung eines solchen Fürsorgeprinzips nicht von jetzt auf gleich zu einer anderen Welt führen würde, und dass es vermutlich bei der Umsetzung viele Schwierigkeiten geben würde, weil wir als Menschen nicht einfach umprogrammiert werden können. Ich glaube aber schon, dass die Einführung eines neuen Leitmotivs zu einer Umstimmung im globalen Denken und Handeln führen würde, die alle Bereiche des Lebens beeinflussen würde. Und ich glaube, wie gesagt, dass es zu einer unglaublichen Entlastung aller Menschen führen würde. Und ich denke, dass dieses Umdenken bereits im Gange ist. Dieser Blogeintrag ist nichts weiter als ein Beitrag dazu.

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Verantwortung zum Zweiten: Ursachen der Finanzkrise

Der Untersuchungsausschuss des US-Kongresses zur Finanzkrise hat seinen Abschlussbericht vorgelegt. In der SZ findet sich dazu ein Kommentar, in dem das vorherrschende Bild der Bürger als unmündige Opfer der Machenschaften „höherer Mächte“ deutlich wird. Das Resumee lautet: „Hätten zentrale Akteure in der Firmen- und der Politikwelt anders gehandelt, wäre die Katastrophe dem Globus wohl erspart geblieben.“

Kein Wort über diejenigen, die den Bankern ihre spekulativen Angebote abgekauft haben, über die Massen von Aktionären und Anlegern, die sich in ihrem Handeln lediglich an der Höhe der Rendite orientierten. Weiterlesen »

Wir werden sein wie Gott – wenn wir Verantwortung übernehmen. Gedanken zu Dioxin- und anderen Skandalen

Ich finde es immer wieder verblüffend mit welcher Selbstverständlichkeit bei „Skandalen“ wie dem derzeitigen Fund von Dioxin in Futtermitteln nicht etwa die Verursacher sondern zuallererst das Versagen der Kontrollinstanzen für das Geschehene verantwortlich gemacht wird. So sagt z.B. der Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter auf die Frage, warum es immer wieder zu solchen Skandalen komme: „Das hat insgesamt damit zu tun, dass Futtermittel staatlicherseits zu wenig kontrolliert werden“ und fordert „häufigere, bessere und verpflichtende staatliche Kontrollen“ und „härtere Strafen“. Und die Nachrichten melden, dass in Deutschland 1500 Lebensmittelkontrolleure fehlen. Dieser Reaktion liegt die Vorstellung zugrunde, dass Menschen automatisch Böses tun und nur durch Kontrolle und Strafe daran gehindert werden können. Egal ob es sich um Börsenbetrug, sexuellen Missbrauch, Steuerhinterziehung oder Umweltverschmutzung handelt, immer scheint das einzige Mittel dagegen eine von oben gesetzte Grenze zu sein.

In dieser Sichtweise liegt die Verantwortung dafür, dass nichts Böses geschieht, bei äußeren Mächten. Ich kann deren Begrenztheit ausnutzen und muss mich nicht schlecht fühlen, wenn ich z.B. eine Gesetzeslücke finde oder evtl. sogar wenn ich einen Gesetzesbruch begehe, der nicht entdeckt wird – es ist die Schuld der Politik, der Justiz, der „Zuständigen“, die versagt haben.Weiterlesen »