Nicht die Menschen bekämpfen sondern den destruktiven Geist – Gedanken zu den Anschlägen von Paris

Vorbemerkung: Ich habe lange nichts geschrieben. Das hat auch damit zu tun, dass eine neue Erkenntnis Zeit brauchte zu reifen und vor allem, eine Form zu finden, in der ich sie veröffentlichen möchte. Sie handelt im Wesentlichen davon, dass die vom Menschen ausgehende Destruktivität (gegen andere aber auch gegen sich selbst) nur beendet werden kann, wenn die Destruktivität als lebensfeindliches Prinzip erkannt und behandelt wird, von dessen Auswirkungen immer auch der sie ausführende Mensch betroffen ist, und das daher nicht als zum Menschen an sich gehörig betrachtet werden darf, wenn man sich davon distanzieren will – weil man sich nicht gegen Teile seiner selbst wenden kann und auch, weil niemand sich selbst schädigen will. Anlässlich der aktuellen politischen Entwicklungen will ich mich mit diesen Gedanken nun doch äussern und habe dies in einigen Foren schon getan.

Wie mir die Statistik von WordPress zeigt, gibt es auch nach jahrelanger Veröffentlichungspause immer noch Besucher dieses Blogs, die offensichtlich auch mehrere Beiträge zumindest anklicken. Das motiviert mich, meine neuen Gedanken auch hier wieder mitzuteilen. Der aktuelle Beitrag bezieht sich auf die Anschläge in Paris am 13.11.15.

Ich habe vor, meine Sichtweise des destruktiven Geistes später hier noch weiter zu erläutern und zu vertiefen, kann es aber nicht versprechen.

 

Und nun zum Text:

Destruktive Aggressionen gegen Menschen können nur stattfinden, weil wir nicht zwischen den Menschen und dem destruktiven Geist, der sie besetzen kann, unterscheiden. Menschen sind nicht an sich destruktiv, sie können aber durch entsprechende Einflüsse dazu gebracht werden, destruktiv zu fühlen und zu handeln. Das ist sowohl an Gewalttätern wie auch an Menschen, die gegen sich selbst Gewalt ausüben, deutlich zu sehen. In Ansätzen kann jede/r das an sich selbst beobachten, z.B. in entsprechenden Situationen im Verkehr.

Es wird aber laufend der destruktiv handelnde Mensch mit dem „Dämon“ (auch in Form einer Ideologie), der ihn steuert, gleichgesetzt. Dadurch wird der Mensch selbst entwertet und angegriffen (verbal oder körperlich) wodurch wiederum eine Gegenentwertung und entsprechend destruktive Energie erzeugt wird. Auf diese Weise dreht sich die Gewaltspirale weiter.

Auch Kriege und Terroranschläge funktionieren nach diesem Prinzip. Menschen, die sich als „Islamisten“ bzw. „dekadenter Westen“ entwerten, bekämpfen sich gegenseitig. Der sie beherrschende „Dämon“ hat dabei nur ein Ziel: mehr Gewalt zu erzeugen, um mehr Leben zu zerstören. Das kann man in der Geschichte sehen, das erleben wir aktuell im „Krieg gegen Terror“ und besonders deutlich ist es auch daran zu erkennen, dass Attentäter sich selbst töten. Entwertende Gewalt führt zu entwertender Gewalt, wenn das Prinzip nicht erkannt und unterbunden wird.

Die Wahrheit, die im Krieg (ebenso wie im Terror und im „Krieg gegen Terror“) zuerst stirbt, ist die, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Erst wenn wir anerkennen, dass diese immer gegeben ist, und wenn wir aufhören, unsere Gegner – selbst die schlimmsten Gewalttäter und Terroristen – in ihrem Menschsein zu erniedrigen, haben wir eine Chance in der Sache voran zu kommen. Denn wie sollte sich ein Mensch, dem sein Wert (seine Würde) und damit seine Daseinsberechtigung abgesprochen wird, noch auf ein Überdenken seiner Ansichten einlassen können? Er wird zwangsläufig den bekämpfen, der ihn weghaben will.

Das bedeutet nicht, dass jeder machen kann, was er will, ohne dass ihm Grenzen gesetzt werden. Es ist im Gegenteil sehr wichtig, immer wieder die Entwertung, die jedem destruktiven Handeln zugrunde liegt, wahrzunehmen, zu benennen und zu unterbinden. Es macht in diesem Sinn einen großen Unterschied, ob ich sage: „Du bist böse und gehörst weg“ (und entsprechend handle) oder ob ich sage: „Du bist als Mensch ebenso soviel wert wie ich, aber gegen die von Dir ausgehende Destruktivität werde ich mich wehren“.

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass eine solche Sichtweise schlagartig alles verändern kann, noch nicht einmal, dass sie leicht einzunehmen und durchzuhalten ist. Ich sehe darin aber unsere einzige Chance global wie lokal miteinander zu überleben statt uns gegenseitig zu bekämpfen und umzubringen.

 


Und weil ich diesen Text anderswo auch in englisch veröffentlicht habe (die Übersetzung stammt von meinem Freund Matthias) und hier immer wieder auch Besucher aus englisch-sprachigen Ländern waren, kann ich diesen ganz einfach die Möglichkeit geben, den Beitrag mit nicht deutsch-sprechenden Bekannten zu teilen:

Don’t fight people – fight destructiveness

Destructive attitudes against other human beings can only gain ground, as we don’t distinguish between human beings and the destructive ideas that may haunt them. Human beings are not destructive per se. However, external influences can make them so. This can be seen in all violent persons, be they aggressive towards others or against themselves. Many of us have experienced this in a nutshell in everyday situations, such as road rage incidents.

However, we often confuse the acting person with the acting “demon” or ideology driving him or her. Through this conflation, we depreciate and assault the person (verbally or physically) and thereby trigger a circle of mutual depreciation and hostility, and further a downward spiral of violence.

Wars and terror attacks operate along the same lines. Human beings reduced to being “Islamists” or “Westerners” depreciate and assault each other. The demon of violence has only one goal: To provoke more violence and destroy more life. History amply illustrates this point. That’s also what we experience right now in the “war on terror”, and especially when looking at suicide attacks. Depreciation and violence provoke further depreciation and violence as long as we do not understand this mechanism and stop it.

The truth that first dies in war (as in terrorism and in the “war on terror”) is that human dignity is inviolable. Only if we acknowledge that human dignity is inherent in every human being, including in our worst enemies and terrorists, and if we stop debasing them, do we have a chance to advance. For how should anyone, whose human nature, dignity and right to exist are denied, be ready and able to rethink his or her positions? He or she will necessarily fight anyone disputing his existence.

This doesn’t mean that anybody can do, as he/she likes without encountering limits. Conversely, it is most important to always identify and prevent all depreciations that form the basis of all destructive behaviour.
There is a big difference between saying: “You are evil and must be eliminated” (and acting accordingly); as opposed to saying: ”You are a human being of equal value as I, but I will defend myself against the destructiveness that emanates from you.”

I am not so credulous as to believe that this view will suddenly change everything, nor that this stance is easy to take and to maintain.
However, I see it as our only chance, on a local as well as on a global level, to survive — instead of fighting and killing each other.

 

 

Advertisements