Gedanken zur Atomkatastrophe in Japan

Allenthalben, selbst von ehemaligen Gegnern der Anti-Atomkraft-Bewegung, wird nun propagiert, die Energieversorgung müsse schneller auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Die Katastrophe in den Kernkraftwerken in Japan ist aber nicht Ausdruck der falschen Methoden der Energieerzeugung. Sie ist Ausdruck der Krise einer mittlerweile global gültigen Ideologie gemäß derer der Sinn (im entsprechenden materialistischen Jargon: die Funktion) des menschlichen Lebens darin besteht, zu konsumieren statt zu denken, oder um es mit Erich Fromm zu sagen, zu haben statt zu sein.

Ein sehr großer Teil der derzeit von Menschen erzeugten Energie ist für die Produktion und den Betrieb von Gütern und Dienstleistungen nötig, die wiederum ihrerseits die Umwelt schädigen, sei es durch den Verbrauch von natürlichen Ressourcen des Planeten, sei es durch die schädlichen Auswirkungen bei der „Entsorgung“ der konsumierten Produkte. Laut einem von Utopia.de mit vertriebenen You-Tube-Video sind in den USA 99% aller Rohstoffe 6 Monate nach ihrer Verarbeitung zu Gütern zu Müll geworden. Und bei Focus-online ist zu lesen: „Nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungswirtschaft (was für ein Begriff) fielen in Deutschland 2006 rund 372 Millionen Tonnen Müll an.“ Wir leben in einem globalen System, in dem wir aus unseren materiellen Lebensgrundlagen immer schneller immer mehr schädliche Dinge herstellen, konsumieren und „entsorgen“ müssen, damit wir einen Arbeitsplatz und ein Einkommen haben, mit dem wir dann – sozusagen als Nebeneffekt – auch unsere materiellen Grundbedürfnisse befriedigen können. Und diese existentielle Abhängigkeit macht es sehr schwer, dieses System in Frage zu stellen, weil dadurch sofort die Angst um den Arbeitsplatz auftaucht. Konsum muss etwas Gutes sein, denn er sichert meine Lebensgrundlagen.

Solange der Materialismus die vorherrschende Sichtweise auf das Leben ist, wird sich an diesem System und damit an der Zerstörung der Erde nichts ändern, auch wenn die Energie dafür aus erneuerbaren Quellen kommt. Denn solange müssen wir materielle Dinge konsumieren, weil das unsere Identität ist. „Ich konsumiere, also bin ich“ lautet der zentrale Glaubenssatz. Der Verzicht auf meinen morgendlichen Coffee to go kommt dann einer Identitätskrise gleich, vom Verzicht auf mein Auto oder mein Skiwochenende im Zillertal ganz zu schweigen.

In einer Welt, in der es keinen überdauernden Sinn = Geist gibt, sondern nur ein Gehirn nach dessen Funktionsausfall alles vorbei ist, kann es mir auch völlig wurscht sein, was danach kommt. Wer sollte mich nach meinem Tod für die Konsequenzen meines Handelns zur Verantwortung ziehen? Warum sollte ich mir irgendeinen Gedanken über die Zukunft der Erde machen, solange ich sicher sein kann, dass ich vor dem „Ablauf meines Haltbarkeitsdatums“ keine negativen Konsequenzen meines Handelns spüren muss, sondern materielle Vorteile daraus ziehe? Die Zukunft existiert praktisch nur, solange ich existiere. Wenn ich selbst nur ein materielles Ding bin, macht eine Aussage wie „wir haben die Erde von unseren Kindern nur gepachtet“ keinerlei Sinn, denn sie setzt ein zeitlich überdauerndes geistiges Prinzip des Lebens voraus, dem gemäß eine Zukunft nach meinem Tod wichtig ist und an dem ich verantwortlich beteiligt bin. In einer materialistischen Sichtweise spielen solche Überlegungen keine Rolle: Tot ist tot, warum sollte es für mich im Alter von 54 Jahren von Bedeutung sein, was in 50 Jahren sein wird?

Moral und Ethik sind in dieser Sichtweise „Epiphänomene“ des Gehirns, die mit dessen Funktionsausfall ihr Ende finden. Sie spielen nur insofern eine Rolle, als sie mir in meinem Leben Vorteile verschaffen. Der T-Shirt-Aufdruck eines Teilnehmers der gestrigen Menschenkette gegen Atomkraft in Stuttgart brachte das sehr witzig auf den Punkt: „Was haben die Gletscher je für uns getan?“

Gaus und Supergaus in Atomkraftwerken sind Ausdruck der Krise dieser Form des menschlichen Selbstverständnisses. Sie schockieren uns deshalb, weil wir durch sie von dem, was wir durch unsere Lebensweise der Zukunft hinterlassen, plötzlich selbst betroffen sein könnten, bevor wir tot sind. Wir werden sozusagen von der für uns bedeutungslosen Zukunft, auf die wir die Konsquenzen unseres Handelns verschoben haben, eingeholt. Aber die Abwehr dieser Erkenntnis läuft auf Hochtouren, das zeigt sich daran, dass auch im aktuellen Fall in Japan wieder nur der Schutz vor möglichen Schäden für die aktuell lebenden Menschen diskutiert wird. Der Rest der Lebensformen und zukünftige Lebewesen scheinen keine Rolle zu spielen, wenn erleichtert festgestellt wird, dass der Wind in Richtung Pazifik weht, als würde sich die Radioaktivität dort in Wasser auflösen. Und die erneuerbaren Energien werden schon dafür sorgen, dass wir uns um unseren sauer verdienten Neuseeland-Trip im Sommer keine Sorgen machen müssen.

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2 Gedanken zu “Gedanken zur Atomkatastrophe in Japan

  1. Lieber Manfred,
    das ist wieder ein sehr mitreissender und zum Nachdenken anregender Artikel. Ja, wann beginnen wir wieder sinnvoll zu leben und zu arbeiten.
    Es gibt Wissenschaftler, die vorrechnen, dass wir nur wenige Stunden pro Woche arbeiten müssten, um unsere Grundbedürfnisse befriedigen zu können, ab dann könnten wir uns der Familie und Freunden widmen und mit Ihnen eine schöne Zeit verleben ohne das konsumiert werden müsste. Leider aber wollen die, die viel Eigentum angehäufelt haben, noch mehr daraus machen, und brauchen dazu Wachstum und Konsum. Und dies lassen sagen „Ich gönn mir ja sonst nichts“, „ich bin es mir wert“. Dagegen könnten wir aber auch halten „alles ist möglich“, wenn wir nur wollten.
    Da ist der der deutsche Michel dann doch sehr leidensfähig und wenig innovativ, was das gesellschatliche Ändern angeht. Aber „die Hoffnung stirbt immer zuletzt“, lautet noch ein schönes Sprichwort …

    • Lieber Martin,
      herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Vielleicht merken wir erst dann, dass etwas nicht stimmt, wenn das was wir uns „gönnen“ und was wir uns „wert“ sind verstrahlt ist.
      Aber ja, trotzdem: Die Hoffnung stirbt zuletzt. In diesem Sinne, versuchen wir weiter an der Veränderung zu arbeiten…
      Alles Gute!

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