Lieber ein kalter Krieger… Zur Situation schwuler Männer im Zeitalter der Integration


Sonntag, 30. Mai 2010

Der folgende Text entstand als Entwurf für einen Beitrag zum Programmheft des 30. Münchner Christopher-Street-Day, den ich aus der Sicht eines Teilnehmers des ersten Münchner CSD von 1980 schrieb. Der CSD ist eine weltweit in vielen Städten stattfindende Veranstaltung zur Erinnerung an die Ereignisse in der New Yorker Christopher Street, bei denen sich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 erstmals Lesben, Schwule und Transsexuelle im „Stonewall Inn“ gegen eine der damals üblichen Polizei-Razzien in schwul-lesbischen Lokalen gewehrt haben. Eine Ursache für die aufgewühlte Stimmung, die zu diesen Ereignissen führte, war, dass am Tag zuvor Judy Garland unter der Beteiligung von Tausendenden von Schwulen in New York beerdigt worden war. Ihr Lied „Somewhere over the Rainbow“ war zu einem Zeichen für die Hoffnung auf eine bessere Welt geworden und begründete schließlich den Regenbogen als internationales schwul-lesbisches Symbol.

„Deine Stadt. Deine Community. Deine Freiheit.“ Der Slogan des diesjährigen Münchner CSD zeigt, dass wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Als ich vor 30 Jahren bei der ersten Münchner „Stonewall-Demo“ das Fronttransparent mit der Aufschrift „Schwul na und?“ mittrug, hatte ich – wie vermutlich alle, die teilnahmen – Angst vor Anfeindungen und Angriffen. Und wir fürchteten uns vor den Konsequenzen, die diese Veröffentlichung unserer Homosexualität für unser berufliches und privates Leben haben konnte. Am Straßenrand standen jede Menge Zivilpolizisten, die uns fotografierten und filmten, und ich weiß noch, dass ich dachte: Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Aber wohl Keine/r der Beteiligten dieses ersten Münchner CSD hätte sich träumen lassen, dass Lesben und Schwule in 30 Jahren dorthin kommen könnten, wo wir heute stehen. Ich erlebe diese allgemein als Erfolgsgeschichte gefeierte Entwicklung allerdings als durchaus zwiespältig und finde es wichtig, sie auch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten.

Als ich im Sommer 1978 mit 21 Jahren nach München kam, hatte ich eine Kindheit und Jugend hinter mir, die geprägt war von der Angst, jenes zunächst namenlose und später als „schwul“ erkannte Gefühl der Sehnsucht in mir könnte sichtbar werden. Denn es wurde als unmännlich, als „weibisch“ verachtet. Homosexuelle beiderlei Geschlechts wurden zudem als Kinderverderber, als triebhaft, und als für den Rest der Menschheit gefährlich verfolgt. Sie galten als liebes- und beziehungsunfähig, Liebe und Beziehung konnte es nur zwischen Mann und Frau in den dazugehörigen Rollen „oben“ und „unten“ geben. Die Vorstellung, dass zwei Menschen desselben Geschlechts einander lieben könnten, stellte die Jahrtausende geltende Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau in aktiv und passiv in Frage. Darin liegt ein wesentlicher Grund für die ebenso alte Tabuisierung und Verfolgung von Homosexualität. Der Begriff Homosexualität bedeutet Gleichgeschlechtlichkeit. Er steht damit für die Möglichkeit einer Liebesbeziehung zwischen gleichberechtigten Menschen. Es waren vor allem Männer, die sich in ihrem Selbstbild als dominant gegenüber passiven, schwachen Frauen bedroht fühlten von der Vorstellung einer Sexualität, in der es kein Oben und Unten gibt. Franz-Josef Strauß brachte diese Angst 1971 auf den Punkt mit seinem Ausspruch: „Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder“.

Stonewall und das Erstarken der Lesben- und Schwulenbewegung in den 60er und 70er Jahren gingen einher mit einem Erstarken der Frauenbewegung. Sie waren nur möglich, weil immer mehr Frauen die Aufspaltung der Menschheit in aktive und passive Wesen in Frage stellten. Und auch eine Bewegung von heterosexuellen Männern hoffte in dieser Zeit, in der das Selbstbild des Mannes als Krieger die Welt zunehmend an den Abgrund eine finalen Krieges brachte, auf eine bessere Welt, wenn Männer aufhören könnten, Stärke demonstrieren und miteinander um Frauen und Territorien konkurrieren zu müssen. All diesen Bewegungen war klar, dass der Weg in eine friedlichere Welt über die Veränderung der Geschlechtsrollen und damit auch über eine Enttabuisierung der Homosexualität führen musste.

Wie viele Lesben und Schwule hatte auch ich damals mein Coming-out mit einer Mischung aus Wut und Angst: Wut über die Verachtung, Unterdrückung und Gewalt, die uns und Generationen vor uns angetan worden war, und Angst, wir könnten es nicht überleben, mit unseren Familien und der Welt, wie wir sie kannten, zu brechen. Reihenweise distanzierten sich „liebende Familienväter“ von ihren schwulen Söhnen und lesbischen Töchtern bis hin zu deren Verstoßung. Aber wir hatten die Hoffnung auf eine bessere, liebevollere Welt – „somewhere over the rainbow“.

Tatsächlich kam es dann ganz anders, wie wir heute erkennen müssen. Eine angesichts der zunehmenden Rollenverweigerung von Frauen und des massenhaften Coming-outs von Lesben und Schwulen in ihren Grundfesten bedrohte Männergesellschaft bot diesen die Teilhabe an ihren Privilegien an – vorausgesetzt sie wären dazu bereit, sich den bestehenden Werten zu unterwerfen und zu vergessen, dass es ebendiese Werte gewesen waren, die zur ihrer Unterdrückung und Verfolgung geführt hatten. Und wir alle, froh, von unseren Vätern doch noch ein Zeichen der Akzeptanz zu bekommen und nicht länger unterdrückt und verfolgt zu werden, nahmen es dankbar an, nun endlich „normal“ sein und auch Bürgermeister, Bundeskanzlerin und Außenminister werden zu dürfen. Der Preis dafür ist, dass wir aufhören, uns mit unserer persönlichen und kollektiven Leidensgeschichte zu beschäftigen. (Wer kennt heute noch den Hintergrund des CSD?) Homosexualität wurde aus Gesetz- und Psychiatriebüchern ersatzlos gestrichen und wir wurden auf Knopfdruck in die Normalität befördert. War da was?  Schwule und Lesben wollen heute keine Opfer = Schwächlinge mehr sein und ein Großteil der Frauen setzt feministisch mit problematisch und unattraktiv gleich. Wir alle wollen heute vor allem eines sein: erfolgreich. Und dafür müssen wir aktiv und konkurrenzfähig sein – echte Männer eben. Um allen Zweifeln vorzubeugen, sind Schwule, Lesben und heterosexuelle Frauen oftmals die besseren Männer. Die Härte von Angela Merkel wird allgemein bewundert, aber auch Guido Westerwelle wird kaum jemand vorwerfen können, er sei ein Weichei. Und der Durchschnittsschwule dürfte den Durchschnittshetero in puncto Muskelmasse längst um Längen geschlagen haben.

Diese im Sinne einer freundlichen Übernahme ablaufende gesellschaftliche Integration hat dafür gesorgt, dass die Aufteilung der Welt in Oben und Unten mit dem daraus resultierenden Prinzip der Konkurrenz erhalten blieb. Die Aufteilung verläuft nun unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung zwischen Gewinnern und Verlierern. Genau das bringt die Sparkassenwerbung, die dem CSD-Motto zugrunde liegt, auf den Punkt. Eine schwule Version dieses Slogans lautet: „Mein Bizepsumfang. Meine Schwanzgröße. Meine sexuellen Praktiken.“ Entsprechende Klischees bestimmen große Teile der schwulen Szene, und der Druck, ihnen gerecht zu werden, reicht bis in die intimsten Winkel schwuler Beziehungen. Wir haben es aufgegeben, den ehemals für unsere eigene Diskriminierung verantwortlichen Mechanismus der Spaltung in Frage zu stellen. Stattdessen konkurrieren wir nun auch miteinander darum, „top“ zu sein. Ganz im Sinne „männlicher“ Werte geht es in großen Teilen der schwulen Szene um den ständigen Beweis der eigenen Männlichkeit, um auf dem Markt als Sexualpartner konkurrieren zu können. Kategorien wie „Military“, „Uniform“ und „BDSM“ (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism) haben Hochkonjunktur auf schwulen Pornoseiten mit Namen wie „Top Studs“ und „Gay Alpha Males“. In entsprechenden Szenen werden die „Schwachen“ und „Passiven“ für ihre Unmännlichkeit bestraft. In schwulen Internet-Kontaktforen sind Männer mit „Heteroqualitäten“ gefragt. Paradoxer- und konsequenterweise müssen wir im Rahmen dieser „Vermännlichung“ unsere Sexualität den überkommenen heterosexuellen Geschlechtsrollen unterwerfen: „Aktiv“ und „passiv“ dürften die in diesen Kontaktforen am häufigsten benutzten Begriffe sein. Das Wort „Liebe“ scheint dagegen geradezu tabu zu sein.

Hinter diesen Kulissen wiederholt sich das durch die „Integration“ unverarbeitet gebliebene Drama der Qualen unserer persönlichen Kindheit und unserer kollektiven Geschichte: Wir hoffen, dass ein großer starker Mann, der uns wegen unserer „weichen“ Liebesgefühle ablehnt (unser Vater / Vater Staat), uns annehmen wird, wenn wir es schaffen, der tapfere Junge / der harte Mann zu werden, der dessen Bild von Männlichkeit nicht in Frage stellt. Michael Cunningham schreibt in seinem Roman „The Hours“ vom „Hang schwuler Männer, die Jungs zu imitieren, die sie auf der Schule gequält hatten“. Was wir bei dieser „Identifikation mit dem Aggressor“ übersehen, ist, dass daraus wieder Qual entsteht, weil es im Wesen dieses Bildes von Männlichkeit liegt zu konkurrieren. Konkurrenz und Liebe aber schließen einander aus. Erst wenn wir das verstehen und aus unserer Geschichte lernen, werden wir aufhören können, Angst zu haben, nicht gut (männlich) genug zu sein, und anfangen können zu lieben. Und erst dann werden wir das Leben jenseits des Regenbogens verwirklichen können, das die Erde derzeit so dringend braucht.

Links:

Zu den Hintergründen des Christopher-Street-Day:

http://de.wikipedia.org/wiki/Stonewall

Die offizielle Webseite des Münchner CSD:

http://www.csd-muenchen.de/web/index.php/homepage.html

Eine Infragestellung des überkommenen Männlichkeitsbildes findet sich in dem vor kurzem veröffentlichten „Männermanifest“ der GRÜNEN:

www.maennermanifest.de

Ein Text von mir selbst zu den Problemen bei der Entwicklung einer homosexuellen Identität findet sich in der folgenden PDF-Datei:

gleich – ganz – anders

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