Der Geist von Orlando

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Das Attentat von Orlando ist Ausdruck eines wertenden Geistes. Sei es, dass der Geist der den Attentäter beherrschte, homosexuelle Menschen entwertete, sei es, dass er US-Bürger entwertete oder sei es, dass er den Attentäter selbst entwertete, und ihn nicht damit leben ließ, Männer zu lieben. Die Grundlage aller terroristischen Anschläge ist die Entwertung der Angegriffenen. Und sie führt stereotyp zur Gegenentwertung durch die angegriffene Gruppe und zu Vergeltungsmaßnahmen, wodurch die Gewaltspirale weitergedreht wird. Entsprechend sind auch die früheren und gegenwärtigen militärischen und geheimdienstlichen „Interventionen“, die Kehrseite dieser Medaille, und bringen wiederum  Terrorismus hervor. Dass sie  ebenfalls Ausdruck eines entwertenden Geistes sind, kann man sehen, wenn etwa die „Achse des Bösen“ bekämpft werden soll, oder wenn die „führenden“ Industrienationen meinen, „dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren“ (Ex-Bundespräsident Köhler), oder wenn sie „Regime Changes“ veranlassen,  um eigene Vorteile zu sichern dabei hinnehmen, dass bei der Ausbeutung von Rohstoffen und der Herstellung ihrer Konsumgüter auch  Menschen ausgebeutet und ins Elend gestürzt werden.

Wirtschaftliche Ausbeutung, Krieg und (der aus ihnen resultierende) Terrorismus sind Ergebnisse eines entwertenden Geistes, der suggeriert, dass nicht Kooperation sondern Konkurrenz das Prinzip des Lebens sei und daher das Leben ein Kampf sei, in dem entschieden wird, wer die besseren und wer die schlechteren Menschen seien, und in dem im Darwin‘schen Sinne eben nur die Sieger (fittest) überleben können, weshalb man dann auch kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn die Verlierer nicht überleben.

Dieses Bild der Konkurrenz als Prinzip des menschlichen Lebens durchdringt immer stärker alle Lebensbereiche und ist insbesondere die Grundlage der gesamten Weltwirtschaft mit ihrem Leitthema der „Wettbewerbsfähigkeit“.

Propagiert und als „Spaß“ verkauft  wird dieses Prinzip durch Sportarten, in denen es um das Gegeneinander geht. Fußball ist ein ein gutes Beispiel dafür. Begriffe wie „kämpfen“, „schießen“, „Sieger“, „Verlierer“ und viele andere mehr zeigen den aggressiven und wertenden Geist, der hier am Werk ist. Die Sieger bekommen dann auch mehr Geld und mehr narzißtische Bestätigung, und das ist es, was wir doch alle auch wollen, so die Botschaft. Dass es zunehmend mehr und extremere Ausschreitungen beim Fußball gibt, wie derzeit bei der EM in Frankreich in konzentrierter Form zu beobachten, ist die Folge der zunehmenden Entwertung und Ausgrenzung von Menschen durch den sich verschärfenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wettbewerb. Zunehemend mehr Menschen sehen sich in Gefahr, zu den Verlierern zu gehören („71 Prozent der erwachsenen Bevölkerung des ganzen Globus besitzen nur etwas mehr als drei Prozent des weltweiten Vermögens. Mit anderen Worten: Die große Mehrheit besitzt fast nichts im Verhältnis zum real existierenden Wohlstand. Auch in Deutschland sind die Vermögen stark konzentriert: hier besitzen 70 Prozent der Bevölkerung nur 9 Prozent des Vermögens.“ (Quelle: Oxfam) Und 66 Menschen besitzen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung (ebd.). Die in Frankreich zeitgleich mit der EM stattfindenden, von den Medien weitgehenden verschwiegenen Proteste von Millionen von Menschen gegen eine weitere Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen sind Ausdruck dieser Zusammenhänge.

Hooligans bringen lediglich das auf den Punkt, was im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wettbewerb innerhalb von Nationen und zwischen ihnen abläuft und im Fussball symbolisch vorgelebt wird: Das Leben ist ein (sich verschärfender) Kampf. Sie fühlen sich bedroht davon Verlierer zu sein und wollen endlich selbst  kämpfen und siegen. Passend dazu nennen sie sich „Freunde der dritten Halbzeit“, sie setzen nach der zweiten Halbzeit mit eigener Beteiligung das wörtlich genommen in die Tat um, was ihnen vorher symbolisch vermittelt wurde.

Es wäre an der Zeit, die überkommene Idee des Sports als Kampf in Frage zu stellen. Wir brauchen heute andere Ideale, andere Vorbilder und andere Ziele. Heute sollten andere Menschen nicht mehr als Gegner gesehen werden, diese Sichtweise hat zu unendlichem Leid geführt und die Welt an den Rand ihrer Zerstörung gebracht. Heute geht es darum, das Zusammenleben und die Zusammenarbeit zu üben. Sport sollte Fähigkeiten fördern, die dem gemeinschaftlichen Lösen der Probleme der Menschheit dienen, dem Miteinander aller statt dem Gegeneinander.

Das Attentat von Orlando und alle Terroranschläge, die zunehmenden Ausschreitungen von Fans und Hooligans bei der EM in Frankreich und anderen Fußball-“Turnieren“, die bestehenden Kriege, die Umweltzerstörung im Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte, die zunehmenden Flüchtlingsbewegungen, der Islamismus und die wachsende Rechtsradikalität haben ihren gemeinsame Ursache in einem wertenden Geist, der suggeriert, Menschen seien konkurrierende Wesen, die im Überlebenskampf gegeneinander antreten müssen.

Es müsste mittlerweile eigentlich eine Binsenweisheit sein, dass in Zeiten der zunehmenden Spaltung in oben und unten infolge wirtschaftlicher Ungleichheit, auch Rechtsradikalität zunimmt, deren ureigenstes Prinzip der Geist der Wertung und Ausgrenzung ist. Und dass sich dann die Ausgegrenzten und im Konkurrenzkampf von Abstieg und Entwertung Bedrohten ihrerseits Opfer zu suchen, die sie entwerten und ausgrenzen können. Insofern muss man Wettbewerb als faschistoid bezeichnen, denn es ist die Einteilung der Menschen in Bessere und Schlechtere, die den Geist des Faschismus kennzeichnet.

Als schwuler Mann trifft mich das Attentat von Orlando besonders, weil es Ausdruck des Hasses gegen meine Liebesfähigkeit ist. Aber es befeuert auch meine Ambivalenz gegenüber dem ausschließlichen Bemühen großer Teile der LGBT-Bewegung um gesellschaftliche Integration und Gleichberechtigung.

Homosexuelle, aber auch Frauen und andere entwertete gesellschaftliche Gruppen haben am eigenen Leib erfahren, was Entwertung und die Spaltung in bessere und schlechtere Menschen bewirkt. Daher ging es in den Anfängen der Frauen- und der Lesben- und Schwulenbewegung auch darum, die Gesellschaft, in der diese Wertung offensichtlich zum Menschenbild gehört, grundsätzlich in Frage zu stellen, und eine Gesellschaft mit anderen Werten anzustreben.

Tatsächlich kam es dann ganz anders. Eine angesichts der zunehmenden Rollenverweigerung von Frauen und des massenhaften Coming-outs von Lesben und Schwulen in ihren Grundfesten bedrohte Männergesellschaft bot diesen die Teilhabe an ihren Privilegien an – vorausgesetzt sie wären dazu bereit, sich den bestehenden Werten zu unterwerfen und zu vergessen, dass es ebendiese Werte gewesen waren, die zur ihrer Unterdrückung und Verfolgung geführt hatten. Und wir alle nahmen es dankbar an, nun endlich „normal“ sein und auch Bürgermeister, Bundeskanzlerin und Außenminister werden zu dürfen. Die Bedingung dafür war und ist, dass wir unsere Konkurrenzfähigkeit beweisen. Frauen, Schwule und Lesben dürfen jetzt auch ihre potentiellen LiebespartnerInnen im Arbeitsleben, im Sport und im Krieg bekämpfen und feiern das als Erfolg.

Und so ist die Aufteilung der Welt in Oben und Unten mit dem daraus resultierenden Prinzip der wertenden Konkurrenz geblieben. Sie verläuft nun unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung zwischen Gewinnern und Verlierern. Und wir streben weiter danach, zu den Gewinnern zu gehören und können daher deren Werte nicht in Frage stellen.

Aber Orlando und die wieder zunehmende Ablehnung von Homosexualität auch in westlichen Gesellschaften zeigen, dass unsere Integration in eine das Prinzip der Wertung nicht überwindende Gesellschaft fatal ist: Weil wir weiterhin eine auf Kontakt zueinander angewiesene und identifizierbare Gruppe sind, sind wir jederzeit wieder ausgrenz- und angreifbar, wenn andere, nun ausgegrenzte Gruppen die Macht in der (globalen) Gesellschaft übernehmen oder es zumindest versuchen. Der Geist der Wertung und Ausgrenzung kann sogar Rechtsradikale und Islamisten vereinen, wenn es darum geht,  Nicht-Heterosexuelle zu entwerten und zu vernichten.

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Lieber ein kalter Krieger… Zur Situation schwuler Männer im Zeitalter der Integration


Sonntag, 30. Mai 2010

Der folgende Text entstand als Entwurf für einen Beitrag zum Programmheft des 30. Münchner Christopher-Street-Day, den ich aus der Sicht eines Teilnehmers des ersten Münchner CSD von 1980 schrieb. Der CSD ist eine weltweit in vielen Städten stattfindende Veranstaltung zur Erinnerung an die Ereignisse in der New Yorker Christopher Street, bei denen sich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 erstmals Lesben, Schwule und Transsexuelle im „Stonewall Inn“ gegen eine der damals üblichen Polizei-Razzien in schwul-lesbischen Lokalen gewehrt haben. Eine Ursache für die aufgewühlte Stimmung, die zu diesen Ereignissen führte, war, dass am Tag zuvor Judy Garland unter der Beteiligung von Tausendenden von Schwulen in New York beerdigt worden war. Ihr Lied „Somewhere over the Rainbow“ war zu einem Zeichen für die Hoffnung auf eine bessere Welt geworden und begründete schließlich den Regenbogen als internationales schwul-lesbisches Symbol.Weiterlesen »