Wir machen den Wandel in der Klimapolitik selbst – Gedanken zum Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen


Donnerstag, 31. Dezember 2009

Der Text entstand als Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung und erschien auszugsweise in der Ausgabe vom 24.12.09.

In Kopenhagen hat sich gezeigt, dass unser Hoffen, die Politiker könnten uns retten, vergeblich ist. Sie sind in dieselben Widerstände gegen Veränderung verstrickt, wie wir Normalbürger. Das Grundprinzip dieser Widerstände lautet: Ich verändere mich nicht, wenn es nicht (zuerst) der andere tut. Warum sollen wir Deutsche, Europäer usw. Zugeständnisse in der Klimapolitik machen, wenn die USA, China, die Schwellenländer usw. nichts tun? Warum soll ich als kleiner Bürger etwas verändern, wenn alle andern so weitermachen wie bisher, wenn die Politiker, Industriekonzerne usw. nichts tun.

Die Erkenntnis der Ökologie, dass „ich“ und „wir“ vom Rest der Welt nicht zu trennen sind sondern mit ihr in Wechselwirkung stehen, und dass deshalb jeder selbst die Verantwortung für sein Handeln trägt und diese Verantwortung nicht an Eltern, Politiker oder Gott abgeben kann, scheint für uns immer noch schwer annehmbar zu sein. Aber in dieser Erkenntnis liegt nicht nur im Hinblick auf die Klimapolitik unsere einzige Chance. Dies schon deshalb, weil Politiker in einer Demokratie nichts verordnen können, was die Bürger nicht wollen. Und vermutlich würden wir uns heftig wehren, wenn die Politik uns zu den für ein Ende der Umweltzerstörung nötigen Verhaltensänderungen zwingen würde und unser Konsum-, Ernährungs- und Verkehrsverhalten entsprechend reglementieren würde. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn wir durch unsere Verhaltensänderung klar machen, was wir wollen, werden wir auch eine entsprechende Politik bekommen. Das bedeutet allerdings auch den Verzicht auf die Vorstellung, die Politik könnte es so richten, dass wir selbst nicht viel ändern müssen.

Wenn Kopenhagen etwas gebracht hat, dann vielleicht am ehesten mehr Klarheit über die dringend anstehenden Maßnahmen. Und da landen wir unausweichlich bei uns selbst, den Bewohnern und Nutzern dieses Planeten, denn alles hängt an unserem Lebensstil. Entsprechend dem Modell des ökologischen Fußabdrucks müssten wir in Deutschland diesen Lebensstil so ändern, dass damit nur noch ein Drittel der derzeitigen Umweltbelastungen einhergehen, um die Regenerationsfähigkeit unserer Umwelt nicht zu überschreiten. Was für eine Herausforderung das ist, kann jeder mit Fußabdruck-Rechnern im Internet leicht ermitteln.

Wie könnten entsprechende Veränderungen aussehen? Nehmen wir als Beispiel unsere Essge-wohnheiten. Es herrscht im Wesentlichen Einigkeit darüber, dass ein Großteil der klimaschädlichen Emissionen durch unser Ernährungsverhalten verursacht ist. Entsprechend einer aktuellen Studie des Worldwatch-Instituts entstehen 51% der klimaschädlichen Emissionen durch die Nutztier-haltung. Das bedeutet, dass wir durch das, was wir essen, wesentlich mehr Einfluss auf das Klima nehmen als durch alle anderen Bereiche unseres Lebensstils wie Verkehr oder Konsum. Foodwatch Deutschland hat ausgerechnet dass bei pflanzlicher Ernährung knapp 1/8 der klimaschädlichen Gase produziert wird, die bei einer Ernährung mit Fleisch und Milchprodukten anfallen. Bei einer Umstellung auf Bio-Pflanzenkost sind es sogar nur noch 1/17. Möglicherweise liegt also hier das wichtigste Potential, wenn es um den Klimawandel geht und die Entscheidung darüber liegt allein in privater Hand, denn wir werden kaum wollen, dass der Staat uns unsere Lebensmittel zuteilt.

Produziert wird das, was wir nachfragen, nachdem es uns – meist durch Werbung – angeboten wurde. Und das, was wir derzeit nachfragen, ist ohne Zweifel umweltschädlich: Die riesigen Plastikmüllhalden etwa, die die Meere auf unabsehbare Zeit vergiften und zahllose Tiere töten und Menschen schädigen, sind auch Resultat unseres verantwortungslosen „to-go“-Konsums. Zu einem Großteil unseres Mobilitäts-, Konsum- und Essverhaltens sind wir nicht gezwungen, wir entschei-den uns tagtäglich dafür, weil es uns die Werbung suggeriert und die anderen es so auch machen. Wir könnten durchaus anders. Es ist keine Kunst, fünf Kilometer mit dem Fahrrad zu fahren statt mit dem Auto, oder Reis mit Gemüse zu essen statt Schnitzel mit Pommes. Jeder kann sich informieren und dann nach bestem Wissen und Gewissen handeln.

Wir lernen aus Kopenhagen, dass wir die Wende in der Klimapolitik täglich selbst machen müssen und nicht warten können, bis die Politiker, die Amerikaner oder die Nachbarn etwas tun. Wir würden am liebsten nicht aus der Masse heraustreten und erst dann etwas ändern, wenn es „normal“ oder „cool“ ist, wenn es also auch die anderen so machen. Es sieht so aus, als hätten wir nicht genügend Zeit, um darauf zu warten. Wir müssen uns also emanzipieren, wenn wir eine Klimakatastrophe verhindern wollen.  Aber was sonst könnte Freiheit sein, wenn nicht das Spüren und Erkennen dessen, was ich für gut und richtig halte, und die Entscheidung, mich danach zu verhalten?

Links:

Berechnen des ökologischen Fußabdrucks:
http://www.mein-fussabdruck.at/

Klimarelevanz verschiedener Ernährungsweisen:
http://www.foodwatch.de/e10/e17197/e17201/e28069/e28074/

Forschungsbericht zu den Auswirkungen der Nutztierhaltung:
http://www.worldwatch.org/files/pdf/Livestock%20and%20Climate%20Change.pdf

Video zu den globalen Auswirkungen der Ernährungweisen auf Hunger und Umwelt (3:46 min.):
http://www.youtube.com/watch?v=qiYghMmFc_8&feature=related:

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