Wir werden sein wie Gott – wenn wir Verantwortung übernehmen. Gedanken zu Dioxin- und anderen Skandalen

Ich finde es immer wieder verblüffend mit welcher Selbstverständlichkeit bei „Skandalen“ wie dem derzeitigen Fund von Dioxin in Futtermitteln nicht etwa die Verursacher sondern zuallererst das Versagen der Kontrollinstanzen für das Geschehene verantwortlich gemacht wird. So sagt z.B. der Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter auf die Frage, warum es immer wieder zu solchen Skandalen komme: „Das hat insgesamt damit zu tun, dass Futtermittel staatlicherseits zu wenig kontrolliert werden“ und fordert „häufigere, bessere und verpflichtende staatliche Kontrollen“ und „härtere Strafen“. Und die Nachrichten melden, dass in Deutschland 1500 Lebensmittelkontrolleure fehlen. Dieser Reaktion liegt die Vorstellung zugrunde, dass Menschen automatisch Böses tun und nur durch Kontrolle und Strafe daran gehindert werden können. Egal ob es sich um Börsenbetrug, sexuellen Missbrauch, Steuerhinterziehung oder Umweltverschmutzung handelt, immer scheint das einzige Mittel dagegen eine von oben gesetzte Grenze zu sein.

In dieser Sichtweise liegt die Verantwortung dafür, dass nichts Böses geschieht, bei äußeren Mächten. Ich kann deren Begrenztheit ausnutzen und muss mich nicht schlecht fühlen, wenn ich z.B. eine Gesetzeslücke finde oder evtl. sogar wenn ich einen Gesetzesbruch begehe, der nicht entdeckt wird – es ist die Schuld der Politik, der Justiz, der „Zuständigen“, die versagt haben. Und ich kann darauf unter Umständen sogar stolz sein wie ein Kind, dem es gelingt seine strengen Eltern auszutricksen. Wenn der andere heimlich dioxinhaltige Stoffe in Futtermittel mischt, um mehr Gewinn zu machen, warum sollte ich es nicht auch tun? Wenn es dem Staat so wichtig wäre, würde er mehr kontrollieren.

Die Menschen sind in diesem Weltbild Kinder, die erzogen, kontrolliert und gegebenenfalls bestraft werden müssen. Und wenn sie etwas anrichten, haften die „Eltern Kontrollbehörden“ für sie, denn sie haben darin versagt, auf sie aufzupassen. In der Konsequenz bedeutet das, dass ggf. im aktuellen Fall die für Verbraucherschutz zuständige Ministerin ihren Hut nimmt, und wir hoffen, dass es der Nachfolger besser macht.

Angesichts des desaströsen Zustandes der Erde müsste uns mittlerweile eigentlich klar sein, dass dieses Konzept nicht funktioniert. Tatsächlich kann kein Mensch für einen anderen mündigen Menschen die Verantwortung übernehmen. Die Verantwortung für das Dioxin in den Futtermitteln liegt alleine bei denen, die es dorthin gebracht haben. Selbst wenn es kein Gesetz zum Verbot von Dioxin in Lebensmitteln gäbe, läge die Verantwortung für entstandene Schäden nicht beim Gesetzgeber (wer immer das dann sein sollte), ebenso wenig wie die Verantwortung für die riesigen Schäden durch Plastikmüll bei den Regierungen liegt, die Plastikverpackungen nicht verbieten. Die Verantwortung für den Tod eines Fisches, der an meiner am Strand weg geworfenen Saftflasche erstickt ist, liegt allein bei mir.

Anders kann es nur sein, wenn ich aufgrund einer bewussten Täuschung durch einen anderen, die ich nicht durchschaue, einen Schaden anrichte. Dann ist der, der mich getäuscht hat, für diese Täuschung und ihre Konsequenzen verantwortlich. Aber sobald dies nicht der Fall ist, liegt die Verantwortung für die Folgen meines Handelns bei mir, selbst wenn ich die Konsequenzen gar nicht kenne. So ändert z.B. auch die Tatsache, dass den Herstellern von Contergan die Nebenwirkungen anfangs nicht bekannt waren, nichts an deren Verantwortung für die Schädigungen der betroffenen Kinder. Wer könnte sie sonst haben? Und selbstverständlich kann auch die Verantwortung für Konsequenzen meines Handelns, die ich kenne, nicht bei jemand anderem liegen. Natürlich ist mir klar, dass wir für vieles Schädliche, das wir tun, keine Alternative sehen oder sogar gute Gründe haben, aber trotzdem kann für die Folgen, die daraus entstehen, niemand anderer verantwortlich sein, als die Menschen, die sie durch ihr Handeln verursachen. Und auch wenn ich vielleicht nur ein Teil einer Entscheidungskette bin, trage ich eben die Verantwortung für meinen Teil.

In einer solchen Sichtweise können wir uns angesichts bedrohlicher Entwicklungen dann natürlich nicht mehr als „unschuldige Kinder“ sehen, auf die nicht genug aufgepasst wurde, wir müssen selbst über uns und unser Handeln nachdenken und seine Konsequenzen auf uns nehmen. Dies entspricht meines Erachtens aber ohnehin der natürlichen emanzipatorischen Entwicklung des Menschen weg von hierarchischen Strukturen, in denen der „König“ mehr wert ist als der „Untertan“ und ihn deshalb unterwerfen darf. Am Anfang der Zivilisationsgeschichte standen Götter an oberster Stelle und entschieden über Wohl und Wehe, Erlösung oder Verdammnis der Menschen, die ihnen vollkommen ausgeliefert waren. Sie wurden schließlich immer mehr „vermenschlicht“ zu Führern wie Päpsten, Königen Präsidenten usw., die sich in ihrer Legitimation zunächst noch auf die Götter beriefen (und es z.T. heute noch tun). Aber obwohl der „allmächtige Gott“ zunehmend aus den Begründungen der heutigen Hierarchien verschwunden ist, und das Erscheinen von Demokratien eindeutig in Richtung Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle deutet, hat sich das Bild des Menschen als einem zu führenden und damit einem, dem nicht zu trauen ist, bis heute gehalten. Die viel beschriebene „Krise der Demokratie“ mit ihrem niedrigen Wahlbeteiligungen und ihren immer schneller wechselnden Besetzungen der Führungspositionen ist lediglich Ausdruck der Enttäuschung der Kinder über das Versagen ihrer selbst gewählten Eltern angesichts größer werdender Bedrohungen. Die Aufspaltung der hierarchisch definierten Rollen und das Prinizip der Abgabe der Verantwortung mit der Stimme bei der Wahl bleibt erhalten.

Eine Sichtweise des Menschen als einem Wesen, das von solchen höheren Instanzen emanzipiert (aus deren Händen frei gegeben) ist, das gleichwertig mit allen anderen ist und daher auch selbst entscheidet, was gut und böse ist, hätte meines Erachtens ein völlig verändertes menschliches Verhalten zur Folge. Es gibt dann keine „Belohnungen“ und keine „Strafen“ von „Oben“ mehr sondern nur noch die selbst verspürten Konsequenzen meines Handelns. Ich kann dann nur mit meinen Möglichkeiten daran arbeiten, dass wir uns als Menschen gegenseitig vertrauen können. Und dies geht nur dadurch, dass ich selbst vertrauenswürdig bin. Denn nur dann macht es für den anderen Sinn, sich mir gegenüber ebenfalls vertrauenswürdig zu verhalten. Möchte ich, dass ich selbst oder andere Menschen mit Dioxin verseucht werden? Nein. Also passe ich auf, dass ich kein Dioxin in Futtermittel bringe. Kann ich wissen, dass es dann nicht der andere tun wird? Ja, weil auch er weiß, dass es nur an ihm selbst liegt, ob durch sein Handeln das Leben geschädigt oder geschützt wird. Und: Wenn ich mir die Fähigkeit zugestehe, selbst zu entscheiden, fühle ich mich sofort viel wertvoller, als wenn mir andere sagen müssen, was ich zu tun habe.

Diese Sichtweise entspricht auch den Erkenntnissen der Ökologie nach denen alles mit allem zusammenhängt und die kleinste Ameise für das Leben auf der Erde genauso wichtig ist wie der Mensch. Wir erfahren gerade schmerzhaft, dass unsere hierarchische Sicht der Welt und unser Versuch, als Herren der Schöpfung über den Wert oder Unwert anderer Lebewesen zu entscheiden, zu massiven Schäden für uns selbst führen. Wir erkennen, dass es zwar unterschiedliche Lebensformen (z.B. Bäume und Menschen) gibt, aber keine für uns wichtigeren und unwichtigeren, und dass es innerhalb der Lebensformen zwar unterschiedliche Rollen (z.B. Politiker und Bürger) gibt, aber keine wichtigeren und unwichtigeren und dass daher keiner der Beteiligten seine Verantwortung an andere abgeben oder sie für andere übernehmen kann. Wenn alles mit allem zusammenhängt, handle ich für mich und für andere oder gegen andere und damit auch gegen mich. Ein Für mich und Gegen andere (und umgekehrt) gibt es dann nicht mehr. In der Konsequenz heißt das, ich bin für mich und damit für das Ganze, dessen Teil ich bin, genauso wichtig wie der liebe Gott oder der amerikanische Präsident oder wen auch immer ich bisher für den Wichtigsten gehalten habe.

Ich glaube, dass wir dann eine Chance haben, als Menschheit zu überleben, wenn wir uns emanzipieren von einem Wesen, dass Gott oder seinen Stellvertretern unterworfen ist, hin zu einem Wesen, dass selbst göttlich ist in dem Sinne, dass es gut und böse unterscheiden kann und entsprechend verantwortlich handelt. So gesehen kann der jüdisch-christliche Mythos vom Ursprung der Menschheit, die Geschichte von Adam und Eva auch als eine Allegorie für den Emanzipationstrieb des Menschen verstanden werden: Als nicht emanzipierte Wesen, die aber in sich die Tendenz zur Entwicklung in Richtung Selbstbestimmung tragen, konnten Adam und Eva nicht anders als das Verbot Gottes, das sie entmündigte, zu übertreten. In dem Maße, in dem sie aber, wie die Schlange vorhergesagt hatte, selbst wie Gott werden und damit gut und böse unterscheiden können, können sie heute frei entscheiden, den Apfelbaum in Ruhe zu lassen (d.h. die Natur als etwas für sie Wichtiges, mit eigenen Rechten ausgestattetes respektieren), weil ihnen niemand mehr verbieten oder erlauben kann, von ihm zu essen.

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2 Gedanken zu “Wir werden sein wie Gott – wenn wir Verantwortung übernehmen. Gedanken zu Dioxin- und anderen Skandalen

  1. Hallo Manfred (ich hoffe Du erlaubst mir diese Anrede),
    vielen Dank für Deine Sicht auf die Übernahme unserer Verantwortung, denn nur so können wir wirklich frei werden.
    Und hier sehe ich etwas wichtiges Ziel, was zu erreichen ist: mehr Beteiligung an Entscheidungen, die uns betreffen, so dass wir auch in wieder verstärkt in der Verantwortung stehen.
    Und ich bin auch der Meinung, dass ein Mehr an Gesetzen zur Regulierung und der notwendigen Kontrolle alles nur verschlimmern wird, weil die Verantwortung an andere übertragen wird, die sich kümmern sollen.
    Ich habe von einiger Zeit einen Artikel dazu geschrieben, der das Thema auch aufgreift:
    http://www.saperionblog.com/lang/de/uberregulierung-an-die-stelle-einer-sozialmoralischen-selbststeuerung-tritt-die-soziale-fremdsteuerung-durch-vermehrung-von-vorschriften-und-gesetzen-compliance/2244
    Viele Grüße, Martin

    • Lieber Martin,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und auch Deine vielen ermutigenden Ausführungen und die Informationen die Du in Deinen Blogs zum Thema (Selbst-)Verantwortung zur Verfügung stellst.
      Mir scheint, dass auf der politischen Ebene vielleicht Stuttgart 21 einen Wendepunkt für das Thema darstellen könnte (und vermutlich als Symbol dieser Wende in die Geschichte eingehen wird). Was da stattfindet, ist schon wegen der von den Gegnern erarbeiteten Alternativkonzepte mehr als nur Protest und Neinsagen.
      Herzliche Grüße
      Manfred

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