Humanismus statt Materialismus – Gedanken über neue Werte in einer globalisierten Welt


Sonntag 13. Juni 210
 

Eicke R. Weber, der Leiter des Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme schlägt angesichts des Scheiterns der internationalen Klimapolitik beim Klimagipfel 2010 in Bonn in der SZ vor, statt der nach Verzicht klingenden Forderung „Verringerung der Emissionen“ als Ziel lieber die hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien für alle Länder zu setzen. Dieser Vorschlag ist sicher richtig, trifft aber nicht den Kern der Probleme in der Umweltpolitik. Denn selbst wenn alle Länder ihren Energiebedarf ausschließlich aus erneuerbaren Energien decken würden, bliebe das Problem der Gerechtigkeit, also der Angleichung des Lebensstandards. Und es ist kaum vorstellbar, dass alle Bewohner dieser Erde so leben, wie die Deutschen oder gar die US-Amerikaner.

Selbst wenn sie ihren dazu nötigen Energiebedarf zu 100 % aus erneuerbaren Energien decken würden, würde das über den Verbrauch materieller Ressourcen wie Bodenschätze, Wasser und Land sowie der daraus resultierenden Folgeprobleme z.B. Entsorgung des entstehenden (Gift-)Mülls zum schnellen Kollaps des Ökosystems Erde führen. Es wird nicht möglich sein, dass die Chinesen, Inder, Afrikaner und alle weiteren „Entwicklungs- und Schwellenländer“ einen ähnlichen Pro-Kopf-Verbrauch an Häusern, Haushaltsgeräten, (Elektro-) Autos, Flugreisen, Lebensmitteln, iPods, -Pads und -Phones usw. haben wie die Deutschen oder die US-Amerikaner.

Zudem ändert die alleinige Umstellung auf erneuerbare Energien nichts an der Art unseres Wirtschaftens und den damit einhergehenden sozialen Folgeproblemen, die wir derzeit zunehmend erleben. Wirtschaftswachstum schafft auf Dauer keine Arbeitsplätze, auch wenn dies gebetsmühlenartig wiederholt wird. Es tut das Gegenteil, wie wir seit Jahren beobachten können. Deshalb greift das vom Autor und auch von Umweltverbänden oft angeführte Argument, dass durch die Umstellung auf erneuerbare Energien mehr Arbeitsplätze entstünden, nicht. Erstens werden dadurch auf der Seite der konventionellen Energieerzeugung Arbeitsplätze abgebaut. Und zweitens werden auch diese neuen Arbeitsplätze durch das unserem Wirtschaftssystem zugrunde liegende Prinzip der Konkurrenz und der deshalb ständig nötigen Rationalisierungsmaßnahmen z.T. wieder vernichtet.  Ein auf materielles Wachstum ausgerichtetes wirtschaftliches Denken kann keine Rücksicht auf immaterielle Faktoren wie z.B. (menschliches) Leiden nehmen, wenn diese der Profitsteigerung im Wege stehen.

Ich glaube auch, dass bei den Massnahmen gegen die globale Umweltzerstörung die zentrale Botschaft nicht Verzicht sein sollte. Das geschieht aber zwangsläufig, solange die internationale Umweltpolitik von derselben Frage bestimmt ist wie die Wirtschaft: Wie kann ich oben bleiben bzw. nach oben kommen in einem System, das nicht genug Platz für alle hat. In diesem Denken müssen entweder die Oberen verzichten, indem sie absteigen, oder die Unteren müssen auf auf ihren Aufstieg verzichten. Eine Änderung dieser Haltung wird dann möglich, wenn die Erkenntnisse der Ökologie, dass es ein Überleben nur miteinander und nicht gegeneinander geben kann, ernstgenommen werden. In einem solchen Denken gibt es kein Oben und Unten, da sitzen alle im selben Boot. Wenn außerdem klar ist, dass das Boot Platz für alle hat , d.h. die Erde immer noch ausreichend Lebensgrundlagen für alle Lebewesen auf ihr bietet – und das tut sie, dann sollte es bei allen Debatten über die gegenwärtigen (Umwelt-)Krisen um zwei Fragen gehen: Wie können wir diese Lebensgrundlagen erhalten? Und: Wie können wir sie gerecht verteilen, um gemeinsam zu überleben? Wenn diese Fragen in der internationalen Klimapolitik diskussionsleitend wären, dann würde deutlich werden, dass es nicht um Verzicht geht, sondern darum, etwas zu gewinnen: Sicherheit und Lebensqualität durch gemeinsame Fürsorge für das Leben und seine Grundlagen. Dies entspräche dann aber einem – auch die Wirtschaft betreffenden – Paradigmenwechsel vom Materialismus hin zum Humanismus.

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