Jenseits von Gut und Böse – Der Umgang mit Missbrauch und Gewalt


Sonntag, 7. März 2010

Der folgende Text entstand als Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung anlässlich der derzeitigen Welle von Veröffentlichungen über sexuellen Missbrauch und Gewalt an kirchlichen Schulen und Internaten. Er gibt bedingt durch die Grenzen des Leserbriefformats sehr kurz einige meiner Gedanken zu diesem Thema wieder.

Die derzeitige Fokussierung der Diskussion auf die lückenlose juristische Aufklärung der Missbrauchsfälle beinhaltet die Gefahr, dass die Aufklärung der tieferen Ursachen auf der Strecke bleibt. Eine wichtige Frage ist meines Erachtens, warum sich diese Kinder in ihrer zweifellos extremen Not an niemand gewandt haben, auch nicht an ihre Eltern.

Eigentlich kann das nur dadurch erklärt werden, dass sie nicht sicher waren, dass sie geschützt werden würden. Dies weist wiederum darauf hin, dass auch in unserer Kultur Kinder häufig nicht ernst genommen oder bei Konflikten als schuldig betrachtet werden. Die Schuldzuweisung an die kindlichen Opfer würde auch erklären, warum niemand ihnen zu Hilfe kam, obwohl ein Teil der an ihnen verübten Übergriffe offen sichtbar war.

Es muss auch benannt werden, was die Täter dazu treibt, solche Taten zu verüben. Sie wie üblich als „böse“ zu stilisieren, erklärt nichts und es wird vor allem nichts dazu beitragen, solche Taten zu verhindern. Die Täterforschung zeigt klar, dass kein Mensch ein Kind misshandelt oder missbraucht, wenn nicht ihm selbst etwas Ähnliches angetan wurde. Das heißt nicht, dass alle früheren Opfer zu Tätern werden. Ein Großteil von ihnen versucht, in der Kindheit erlebte Gewalt zu verarbeiten, indem er sich selbst die Schuld dafür gibt und weiterhin innerlich gegen sich wütet. Nichts anderes sind die Depressionen, Minderwertigkeitsgefühle, Suizidgedanken und –versuche etc., von denen auch die Opfer dieser Missbrauchsserie berichten. Ein anderer Teil versucht damit fertig zu werden, indem er das Erlebte an andere weitergibt, die nun ähnlich ohnmächtig sind, wie er selbst es war: an (seine) Kinder. In beiden Varianten bleiben die ursprünglichen Täter geschützt: Sie können von den Opfern aufgrund der Abhängigkeit von ihnen oder wegen ihrer Übermacht nicht in Frage gestellt oder zumindest nicht offen beschuldigt werden.

Um einen Weg aus diesen selbst- und fremdzerstörerischen Verarbeitungen erlebter Gewalt zu finden, muss das, was geschehen ist, klar erkannt, die Verantwortlichkeit des Täters klar benannt werden. Dazu brauchen alle Opfer die Begleitung von Menschen, die ihre Glaubwürdigkeit und ihre Unschuld an der Gewaltsituation nicht in Frage stellen. Nur dann können sie es wagen zu sagen, was ihnen angetan wurde und aufhören, ihre Wut gegen sich selbst oder andere Unschuldige zu richten. Das erklärt, warum derzeit so viele ehemals schweigende Missbrauchsopfer sich melden: Im Rahmen der klaren Benennung der Täter durch die Medien können sie anders als in ihrer Kindheit nun erstmals hoffen, eindeutig als Opfer gesehen zu werden.

Es ist also sehr wichtig, nicht nur die Aufdeckung von Taten und die Bestrafung der Täter zu fordern sondern auch zu fragen, was Kinder brauchen, damit sie sich schützen können. Solange diese Frage nicht gestellt wird, bleiben die derzeitigen Beschwichtigungen, dass sich die Zustände geändert haben, zweifelhaft: Es könnte sein, dass auch heutige Kinder sich nicht trauen, ihnen zugefügtes Leid mitzuteilen.

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