Wertewende statt Energiewende – Gedanken über eine neue Definition von Wachstum


Sonntag 19. September 2010

Gestern war ich auf der Demonstration gegen die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke in Berlin. Wie immer nach der Teilnahme an solchen Ereignissen fühle ich wieder etwas Hoffnung für die Welt, bin froh, hautnah gespürt zu haben, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich für eine bessere Welt einzusetzen, ihre Meinung zu zeigen, auch wenn sie dafür ihre Freizeit opfern müssen und es sie Geld kostet. Nach der Demonstration, beim Warten auf den Zug zurück nach München sah ich am Bahnsteig zwei Frauen, die bei der Hinfahrt am Vormittag mit mir im selben Abteil gewesen waren. Sie trugen jetzt wie ich Buttons, die sie als Teilnehmerinnen der Demonstration auswiesen und wir freuten uns zu erkennen, dass wir offensichtlich zum selben Zweck angereist waren. Ich begrüßte sie mit: „13 Stunden Zugfahrt für 4 Stunden Demonstration“ und eine der beiden erwiderte lachend in breitem bayerisch: „Wenn wir das Klump damit wegkriegen, ist es nicht zuviel oder?“ Sie waren so wie ich offensichtlich zufrieden mit dem, was sie getan hatten. Bei der Recherche zur Demonstration im Internet finde ich in Kommentaren von Teilnehmern genau dieses Gefühl: „Ich bin froh, dass ich da war, es war eine gute Erfahrung.“ Mir fällt bei solchen Gelegenheiten immer wieder auf, wie befriedigend es offensichtlich ist, sich für seine Überzeugung einzusetzen und sich dazu mit anderen zusammenzufinden oder auseinanderzusetzen. Damit wird eine Alternative zu dem deutlich, was den Menschen in unserer Gesellschaft üblicherweise ein gutes Gefühl geben soll: der Konsum von materiellen Gütern.

Trotzdem scheint mir, dass noch nicht einmal den Umweltorganisationen klar ist, wie dringend wir eine Alternative zum Konsum brauchen. Denn von diesen wird – wie auch gestern wieder – nur gefordert, die umweltschädlichen Energien durch erneuerbare zu ersetzen. Ein solches Umdenken erscheint mir zwar wichtig, es trifft aber nicht den Kern der Probleme, die die Welt derzeit an den Abgrund bringen: Es ist ein Denken, in dem der Materialismus weiterhin die dominierende Rolle spielt und das damit in dem System, das die Probleme erzeugt, stecken bleibt. Weiterhin scheint die Religion des Konsums die einzig denkbare (Er-)Lösung für die Menschheit, die Energie dafür muss eben nur aus erneuerbaren Quellen stammen. Dass das nicht funktionieren kann, wird sofort klar, wenn man sich vor Augen führt, dass mit der Energie ja jeweils materielle Güter produziert werden, die sowohl Rohstoffe kosten als auch „Entsorgungsprobleme“ nach sich ziehen. Es wird schlichtweg nicht möglich sein, alle Chinesen, Inder, Afrikaner Südamerikaner usw. auf den Stand der Versorgung mit materiellen Gütern zu bringen, den Mitteleuropäer oder gar US-Amerikaner als ihren „Lebensstandard“ betrachten und den sie als Ausgangspunkt für weiteres unerlässliches Wirtschaftswachstum betrachten – erneuerbare Energien hin oder her.

Natürlich ist es wichtig, dass die materiellen Grundbedürfnisse von Menschen befriedigt werden, aber ob dazu die Auswahl an 97 verschiedenen Anti-Falten-Cremes oder der Besitz eines eigenen (Elektro-)Autos zählen, erscheint mir fraglich. Sicher scheint mir jedenfalls, dass beides nicht für alle Menschen möglich sein kann, wenn die Erde nicht binnen kürzester Zeit für sie unbewohnbar werden soll. Ich glaube, dass die materiellen Güter, die die Erde uns bei einem komplett nachhaltigen Wirtschaften im Sinne ökologischer Kreisläufe zur Verfügung stellt, ausreichen, um die wahren materiellen Bedürfnisse selbst der derzeitigen hohen Anzahl an Menschen zu befriedigen. Ein großer Teil der jetzigen Probleme bei der Versorgung der Weltbevölkerung entsteht durch ungerechte Verteilung. Diese wiederum hat auch damit zu tun, dass ein Teil dieser Bevölkerung Unmengen von materiellen Gütern produziert und konsumiert, die seine wahren Bedürfnisse nach Kontakt und Sicherheit in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie nach geistiger Entwicklung ersatzweise befriedigen sollen. In diesem Sinne zerstört unsere Ideologie des „Ich konsumiere, also bin ich“ nicht nur unsere Lebensgrundlagen sondern erzeugt zunehmend auch Sinnlosigkeitsgefühle und damit die „Volksseuche Depression“.

Wir brauchen meines Erachtens dringend eine Ideologiewende weg vom Materialismus, hin zu humanistischen und geistigen Werten. Durch eine solche Wende können die wirklichen Grundbedürfnisse aller Menschen – die materiellen nach Schutz des endlichen eigenen Lebens wie auch die seelischen nach einem Sinn in der Fürsorge für das Leben auf der Erde – grundsätzlich besser erkannt und befriedigt werden als durch die bisherige Ideologie, in der materielle Mittel Sicherheit gegen eine feindliche Umwelt (inklusive der menschlichen Konkurrenten um Arbeitsplätze, Sexualpartner, Konsumgüter und Nahrungsmittel) geben sollen. Es ist sicherlich nicht zuletzt diese Art des materiellen Konkurrenzdenkens, die auch das Bevölkerungswachstum anheizt: Wenn nicht Mitmenschlichkeit und Fürsorge für das Leben wichtige Werte sind sondern die Konkurrenz um materielle Güter, dann muss ich in einer Gesellschaft ohne soziale Sicherungssysteme möglichst viele Kinder haben, die für mich in diesen Kampf ziehen, wenn ich selbst es nicht (mehr) kann, die mich versorgen, denn die anderen Menschen werden es nicht tun.

Eine Wende im Denken weg von materiellen hin zu menschlichen Werten könnte in diesem Sinne nicht nur das Bevölkerungswachstum beeinflussen, sie würde zwangsläufig auch eine Energiewende hin zu erneuerbaren Energien nach sich ziehen, einfach weil sie die für das Leben verträglicheren und damit auch humaneren Energien sind. Und sie würde vor allem in den Industrienationen zu einem drastisch gesenkten Energieverbrauch führen, weil Lebensstandard und Wachstum nicht mehr im Konsum materieller Güter sondern in Werten der Menschlichkeit gemessen werden würden. Dadurch würde Wachstum ganz anders definiert werden als bisher, nämlich als ständige Weiterentwicklung unserer geistigen Fähigkeiten das (Zusammen-)Leben auf der Erde zu fördern.

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3 Gedanken zu “Wertewende statt Energiewende – Gedanken über eine neue Definition von Wachstum

  1. Ja, das Hecheln nach immer mehr Konsum bei gleichzeitiger Erhöhung der Produktionseffizienz erzeugt großen seelischen Druck. Und dass dies mittlerweile so viele nicht mehr aushalten, sieht man an der großen Zahl von über 3 Millionen Deutschen, die wegen Depression in Behandlung müssen. Tendenz steigend.
    Inzwischen sehe ich aber auch in den Firmen erstes Umdenken. Es wird mehr kollaboriert. Teams übernehmen die Verantwortung. Weil immer mehr erkannt wird, dass wir intrinsisch motiviert sind und Spaß am eigenen Besserwerden haben.
    Wenn wir dann auch noch verstärkt die „Nachhaltigkeit“ bedenken, kommen wir langsam dahin, dass Konsum nicht Alles im Leben ist.
    Glück erfährt man bekanntlich nicht durch Konsum. Das durch einen Kauf getätigte Glück ist schnell wieder verflogen. Das Glück, das man durch Freunde erfährt ist dauerhaft.
    Siehe auch meine Posts auf meinem Blog http://faszinationmensch.wordpress.com/

  2. Lieber Herr Dr. Bartonitz,
    danke für diese Anmerkungen. Ich habe mir Ihren Blog angeschaut und finde ihn sehr gut und interessant. Und es freut mich, dass Sie aus ähnlichen Motiven und mit ähnlichen Zielen schreiben wie ich.
    Herzliche Grüße
    Manfred Edinger

  3. Lieber Herr Erdinger,
    ich habe auch inzwischen einige andere Posts von Ihnen gelesen und freue mich, dass auch andere ähnlich schreiben, nicht polemisch sondern möglichst konstruktiv.
    Wenn wir uns, und damit meine ich weitere Mitstreiter, untereinander vernetzen, da bin ich mir sicher, dass wir einen Beitrag zur Veränderung unserer Welt zu mehr Menschlichkeit und Nachhaltigkeit leisten können.
    Frohe Weihnachten
    Martin Bartonitz

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